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Emilia und Noah - Wie zähmt man einen Bad Boy (Teil 1)

Über das Buch

Am 12.12.2018 wurde seitens Jenna Stean der 1. Teil der Bad Boy Trilogie „Emilia und Noah – Wie zähmt man einen Bad Boy?“ (erhältlich bei Amazon), das Spin-off zur äußerst erfolgreichen Liebesgeschichte Mia und Niklas – Keine Liebe ist auch keine Lösung, veröffentlicht.

Auf dieser Seite geben wir Ihnen erste Einblicke in die Handlung und hoffen somit, Sie für den Roman begeistern zu können. Zum Spannungsaufbau bieten wir Ihnen hier bereits ein Einführungsvideo, den Klappentext, die Cover, Informationen über die Hauptfiguren sowie diverse Leseproben an.

Am 31.März 2019 erschien Teil 2 und am 30.April 2019 der finale 3. Teil der Reihe. Wir wünschen Ihnen nun viel Spaß beim Besuch dieser und der folgenden Seiten.

Daten zu "Emilia und Noah - Wie zähmt man einen Bad Boy (Teil 1)"

Erschienen: 12.Dezember 2018 bei Amazon
Seitenzahl: 471 (eBook), 367 (Druck)
Preis: 2,99 € eBook, 9,99 € Druck
ISBN: 978-1790758166

Einführungsvideo

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Klappentext

Der Clubbesitzer Noah und die Studentin Emilia leben in unterschiedlichen Welten. Abgesehen von kurzen Gesprächen und kleinen Neckereien während der Arbeit, teilen sie nichts miteinander. Als ein Umstand dazu führt, dass Emilia mit Noahs Privatleben konfrontiert wird, ändert sich das.
Auf den ersten Blick scheint Noah ein Mann zu sein, der nur an One-Night-Stands interessiert ist. Denn seine Lebensumstände verbieten es ihm, Frauen an sich heranzulassen. Doch als er und Emilia sich näherkommen, lernt sie, hinter seine Fassade zu blicken. Und obwohl sich Emilia dagegen wehrt, verliebt sie sich in diesen Mann, kämpft um seine Zuneigung. Aber was geht in Noah vor? Schafft es Emilia, dass er ihr vertraut und sein Herz für sie öffnet?

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Die Cover zum Buch

eBook


Taschenbuch

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Emilia und Noah - Steckbriefe zu den Hauptfiguren

Emilia Westphal, 21 Jahre

Familie: Einzelkind, Eltern leben in Berlin
Hobbys: Freunde treffen, Filme schauen, für Hobbys kaum Zeit

Beruf: studiert Mathematik und Informatik

Beziehungen: zwei Jungs

Charakter: zielstrebig, zuverlässig, hartnäckig

Äußeres: mittelgroß, schlank und kurvig, langes, schokobraunes Haar, braune Augen

Besondere Merkmale: keine, sollte an ihrem Kleidungsstil arbeiten

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Noah Schönfeldt, 33 Jahre

Familie: Eltern leben in Hamburg, Schwester in Berlin

Hobbys: mit Marc Fußball- und Handballspiele schauen, surfen, Frauen flachlegen

Beruf: Clubbesitzer

Beziehungen: geschieden, Ex starb an Überdosis

Charakter: selbstbewusst, loyal, verschlossen, nach schrecklichem Erlebnis in der Ehre und Seele verletzt

Äußeres: 1,90 groß, muskulös, schulterlanges blondes Haar, blaue Augen

Besondere Merkmale: Maori-Tattoos, herausstechend ist das Marquesas Kreuz am linken Oberarm

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Prolog

Motorengeräusche erfüllten die Straße. Der Morgen begann klar aber kalt und kündigte den kommenden Herbst an. Gestern war Noah noch in Dänemark gewesen, nun saß er hier in Hamburg.
Die Nacht hatte er im Wagen in einer Parkbucht vor der Rechtsmedizin verbracht. Seine mittlerweile steifen Finger umklammerten noch immer das Lenkrad und sein Blick war nach vorne auf die Straße gerichtet. Noahs Augen brannten, tränten von der bleiernen Müdigkeit, die ihm in den Knochen saß. Noah wollte nach Hause, doch fühlte er sich nicht in der Lage, den Volvo zu starten und nach Berlin zu fahren. Er drehte den Kopf nach rechts und sah durch den Zaun zum trostlosen Betonklotz.
Wie konnte es so weit kommen?, fragte er sich. Wir waren doch damals glücklich gewesen? Hatte Maries Sucht tatsächlich dazu geführt, dass sie nun nackt unter einem weißen Tuch auf dem kalten Stahltisch lag? Umgeben von grünen Kacheln und grellem Licht?
Ein Brechreiz überkam Noah. Mühsam würgte er ihn mit der Faust vor dem Mund hinunter. Noch immer hatte Noah den grässlichen Geruch in der Nase. Tod roch nach Tod. Selbst Desinfektionsmittel hatten nicht den Gestank im Leichenraum nach Trauer und Verwesung überlagern können.
Langsam vergingen die Stunden, die er stumm im Auto saß.
»Dieses miese Schwein!« Noah riss sich aus seiner Lethargie, startete den Motor, warf einen kurzen, prüfenden Blick auf die Fahrbahn und raste mit quietschenden Reifen los. Vor dem Tattoostudio Maori-Style parkte er den Wagen und schwang sich vom Sitz. Mit langen Schritten stürmte Noah in den Laden.
»Wo ist dein Boss?«, fragte er die dicke Blonde, die mit aufgerissenen Augen hinter der Theke stand. Wer ist dieses dümmliche Mädel? Stellt der Mistkerl jetzt Kinder ein?
Noah schüttelte den Kopf. Bei dem Idioten wunderte ihn nichts mehr.
»Äh … Bei einem Ku-kunden, letzte Tür links«, stotterte sie.
»Verdammt, ich hatte Lee gesagt, sich von Marie fernzuhalten, sie mit dem Gift nicht mehr zu versorgen«, fluchte Noah, während er über den Gang lief. Auch wenn sie seit mittlerweile drei Jahren nicht mehr seine Frau war, hatte er sich für sie weiterhin verantwortlich gefühlt.
Schnaufend riss er die Tür auf. Ein gleichmäßiges Summen erfüllte den Raum.
Erschrocken hob Lee den Kopf. Mit hochgezogenen Brauen sah er zu Noah, schaltete die Maschine aus und legte sie auf den Arbeitstisch. Dann zog er den Mundschutz unter das Kinn.
»Was hast du hier zu suchen?«, bellte er mit zusammengekniffenen Augen und umrundete den Tätowierstuhl. Breitbeinig, mit verschränkten Armen vor der Brust, funkelte er Noah an.
»Tu nicht so scheinheilig! Du weißt genau, warum ich hier bin!«, brüllte Noah.
Lee lächelte süffisant. »Keine Ahnung, was du von mir willst. Vielleicht ein neues Tattoo?«
Noah fühlte sich von dem grinsenden, bulligen Arschloch verhöhnt, wie er mit dem dämlichen Mundschutz vor ihm stand, als ob ihm die Gesundheit seiner Mitmenschen wichtig wäre. So ein Wichser!
»Nachdem du dafür gesorgt hast, dass Marie sich mit deiner beschissenen Droge den goldenen Schuss gesetzt hat, fragst du mich, was ich will?« Noah schnaubte, ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten.
»Was kümmert es dich, was Marie mit ihrem Leben machte? Sie war seit Jahren mit dir fertig, weil du sie wie Scheiße behandelt hast. Dich interessierten doch schon immer nur dein Club, deine Surferkumpel und andere Weiber. Also spiele dich hier nicht so auf!«
Lee drehte Noah den Rücken zu, um sich seiner Arbeit wieder zu widmen. Sein Kunde, ein blasser Junge, der sich vermutlich mit einem Tattoo auf dem dünnen Oberarm cooler fühlen wollte, hing ängstlich blinzelnd im Stuhl, wie Noah aus dem Augenwinkel wahrnahm.
»Sag mal, hörst du mir nicht zu?« Noah packte Lee im Nacken und stieß ihn zum Arbeitstisch. Mit Wucht rammte er ihm den Kopf auf die Tischplatte, ließ ihn dann mit angewiderter Miene los.
Lee brüllte auf. »Bist du irre? Du Arschloch hast mir die Nase gebrochen!«
Das Blut tropfte dem Tätowierer vom Kinn, als er seine Hände schützend vor die Nase hielt und sich zu Noah umdrehte.
Zornig starrte Noah den Kerl an. Er hob den Arm, um Lee die Faust ins Gesicht zu schlagen.
Doch plötzlich schoss ihm ein Gedanke ins Hirn, erfüllte ihn ein heftiger Schmerz, der ihm für einen Moment die Luft zum Atmen nahm. Er keuchte auf, packte im nächsten Augenblick Lees Lederweste und fixierte ihn mit schmalen Augen.
»Wo ist Linus … Und wehe, du verarschst mich!« Wenn der Typ mir nicht die Wahrheit verraten wird, wird ihn die eigene Mutter nicht mehr wiedererkennen, schwor er sich. Noah krallte die Finger seiner rechten Hand in die schwarzen Haare des Schweins und riss ihm den Kopf mit einem Ruck nach hinten.
Lee schrie auf und drückte seine Handflächen abwehrend gegen Noahs Brust. »Schon gut, Mann, ich rede. Aber damit das klar ist … Danach verschwindest du!«

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Kapitel 1 - Emilia

Schon wieder dieser dämliche Abwaschdienst! Verärgert blickte Emilia auf die Berge von Besteck und sah durch die geöffnete Küchentür hinüber zur Bar, wo hinter dem Tresen Paul zwischen Anna und Liane stand, ein Bier zapfte und mit den Gästen plauderte.
Du bist zu langsam, hatte Marc gesagt. Und außerdem benötigen wir hinter den Tresen Jungs und Mädels, die hübsch sind, damit die Clubbesucher sich nicht von ihnen loseisen können und viele Drinks bestellen. Später, wenn du dein Outfit überdacht hast und dich beweisen konntest, darfst du an einer der Bars arbeiten, dann wird Noah das bestimmt erlauben. So bescheuert kam ihr der Geschäftsführer, als sie sich beschwert hatte, dass sie nie an der Bar eingeteilt wurde, stattdessen nur an der riesigen Spülmaschine stand.
Sie musste das dreckige Geschirr einsortieren, später frisch gewaschen ausräumen und zum Schluss das Besteck gründlich abtrocknen. Sie schnaufte. Als Totschlagargument hatte Marc doch tatsächlich noch vorgebracht, dass das nun mal die ausdrückliche Anweisung vom Clubinhaber war.
Später, später, später. Und wenn mein Outfit zur Bar passt. Pah, dieser Noah Schönfeldt war einfach nur ein arroganter Kerl, ein selbstgefälliger Schönling, der wohl eher mit seinem Schwanz dachte statt mit dem Hirn.
Nur, weil sie sich nicht mit Minirock, Top und Stilettos aufbrezelte, war sie keinesfalls hässlich und für die Bar als ungeeignet zu betrachten. Und eine Sache war für sie auf alle Fälle klar: nie solche Klamotten! Da konnte Noah warten, bis er schwarz würde. Sie zog die Nase kraus und nickte zur Bestätigung. Niemals!
Missmutig schaute sie zu Paul und den Frauen, während sie das Tuch über den Griff eines Messers rieb, damit keine Wasserflecken zurückblieben. Sie plapperten fröhlich mit einer Gruppe gutgelaunter Männer. Na super, nun kommt auch noch Jonas dazu, um sich am lustigen Gespräch zu beteiligen. Und was ist mit mir?
Emilia zog die Stirn in Falten. Niemand von ihren Kollegen schenkte ihr Beachtung, während sie sich hier allein mit dem Besteck vergnügen durfte. Gibt es überhaupt eine noch stumpfsinnigere Tätigkeit?
Sie studierte Informatik und im Nebenfach Mathematik, war nicht auf den Mund gefallen, aber man ließ sie hier diese bescheuerte Arbeit verrichten. Das fand sie ungerecht.
Heimlich drehte sich Emilia um, beobachtete den Küchenchef Jochen Brandes, wie er mit dem Clubinhaber die Bestellungen durchging. Die Planungen waren bereits in vollem Gange, denn am Freitag in einem Monat fand die Halloweenparty statt, die als großes Event jedes Jahr im November nachträglich im Club gefeiert wurde. Und Emilia würde nicht als Angestellte, sondern als Gast mitfeiern.
Ihre Freundin Lilly hatte für sie eine zweite Einladung ergattert, weil sie mit einem der Türsteher verbandelt war. Unter normalen Umständen wäre Emilia chancenlos gewesen, bei solch einem Event dabei zu sein. Ob Schönfeldt ihr eine Karte gegeben hätte, hätte sie sich zu fragen getraut? Darüber hatte sie nachgedacht, als die Halloweentickets von der Druckerei gebracht wurden. Mir bestimmt nicht, davon war sie überzeugt. Aber sie musste sich nicht mehr über diese Frage den Kopf zerbrechen. Nun besaß sie eine von den begehrten, blutroten Einladungen.
Noah sah zu ihr herüber, ihre Blicke trafen sich, und sie befürchtete, dass er ihre Gedanken gelesen haben könnte. Schnell wandte sie ihr Gesicht ab und trocknete mit gespielter, hingebungsvoller Miene die Klinge ab, beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Noah zu ihr deutete und dem Küchenchef etwas zuraunte. Verflixt, kann er mir tatsächlich in den Kopf schauen? Wieder starrte sie auf das Besteck, suchte nach einer Möglichkeit, gelassen zu bleiben.
Schritte näherten sich und Emilia bekam weiche Knie. Wenn der Kerl doch nur nicht so verteufelt attraktiv wäre …
Als sie Noahs Räuspern hörte, seufzte sie und unterbrach ihre Arbeit. Um ihn anzusehen, musste sie den Kopf in den Nacken legen. Sie reichte ihm gerade mal bis zum Kinn.
Emilia spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, ihr Herz schlagartig gegen die Rippen wummerte. Warum habe ich meine Empfindungen nicht unter Kontrolle? Dabei kann ich ihn doch nicht einmal besonders leiden, weil er ein sturer, selbstverliebter Idiot ist. Zumindest redete sie sich das ein, wenn sie ihn erblickte. Trotzdem machte seine Anwesenheit sie jedes Mal nervös, kribbelte es in ihrem Unterleib, wenn er sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt.
»Langweilige Aufgabe, stimmt’s?« Noah zog sich den Stuhl unter dem Tisch hervor, setzte sich rittlings auf die Sitzfläche und stützte die verschränkten Arme auf die Rückenlehne.
Emilia schielte zu den Maori-Tattoos, die seine Haut bis zu den Handgelenken verzierten. Das Stechen muss höllisch wehgetan haben, überlegte sie. Ob auch Brust und Rücken mit den scharfen Mustern versehen sind? O Gott, nein! Worüber mache ich mir gerade Gedanken? Er ist mein Chef, da sollte mir sein Körperschmuck absolut schnuppe sein! Aber sexy sehen sie bestimmt auf Noahs muskulösem Körper aus.
Sie seufzte. Am liebsten würde sie mit den Fingerspitzen über Noahs Haut fahren, sie sanft nachzeichnen.
Emilia, hör sofort mit deinen Gedanken auf, nicht weiter darüber grübeln!, schimpfte ihr Verstand.
»Ich frage mich, worüber du dir gerade deinen Kopf zerbrichst?«, sagte Noah, nachdem er eins der polierten Messer in die Hand genommen, die glänzende Klinge betrachtet hatte und es wieder zum abgetrockneten Besteck legte.
Emilia lächelte gequält. Die Antwort würde sie ihm schuldig bleiben, selbst wenn er ihr Daumenschrauben anlegen mochte. Noah lachte. »Genauso, wie ich es bei dir befürchtet habe. Du bist sauer auf mich, weil ich dich hier in der Küche arbeiten lasse, statt dich an einer der Bars einzusetzen.« Der Stuhl ratschte auf den Fliesen. Noah kippte mit ihm leicht nach vorne, angelte sich ein zweites Tuch und griff nach einer Handvoll Besteck; das Metall klirrte, als er einen Löffel auf den abgetrockneten Berg warf.
Emilia sah ihm zu, wie er flink die Arbeit verrichtete, als ob das seine tägliche Beschäftigung wäre.
Aber was will er? Warum trocknet er mit mir Besteck ab? Kann er nicht zu Paul und den anderen gehen, statt sich bei mir festzusetzen?
Seine Anwesenheit machte sie so wuselig, dass ihre Hände zu zittern begannen, sie gegen die Hitze in ihrem Gesicht ankämpfen musste, weil der Kerl sie mit seinem herben Duft, dem strahlenden Lächeln und seiner körperlichen Präsenz wahnsinnig machte.
Schweigend musterte sie ihn. Noah war ungefähr zehn Jahre älter als sie. Er hatte markante Gesichtszüge, eine gerade Nase und winzige Lachfältchen um die blauen Augen. Sein flachsblondes Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Wenn er die schön geschwungenen Lippen zu einem Lächeln verzog, sah man die ebenmäßigen, weißen Zähne. Alles, was man seinem Nachwuchs an guten Genen mitgeben konnte, mussten ihm seine Eltern vererbt haben.
Auch sein Klamottengeschmack unterstrich Noahs Attraktivität. Bevorzugt kleidete er sich schwarz, was ihn gefährlich wirken ließ. Heute trug er ein graues T-Shirt mit einer schwarzen Jeans und Boots. Emilia konnte nicht anders, als zu denken: Der Mann ist heißer Sex auf zwei Beinen. Kein Wunder, dass ihm alle weiblichen Angestellten hinterher schmachten.
Doch ihn schien das kein bisschen zu interessieren. Wenn er Frauen abschleppte, dann diese aufgetakelten Weiber, die im Club tanzten, ihn zügellos anbaggerten, wie Emilia manchmal mitbekam. Eine feste Beziehung hätte Noah wohl schon seit Jahren nicht mehr gehabt, hatte Paul einmal Anna und Liane erzählt. Emilia hatte das Gespräch mitbekommen. Ja, sie musste zugeben, sie hatte gelauscht – Asche auf ihr Haupt. Aber auch sie konnte sich seiner Aura nicht entziehen. Leider.
Noah betrachtete Emilia amüsiert, während er das Besteck abtrocknete. »Keine Sorge, auch du wirst demnächst hinter dem Tresen eingesetzt. Aber du bist noch nicht lange genug bei uns.«
»Äh, was?« Mist! Bei all ihren Gedanken hatte sie ihm nur mit halbem Ohr zugehört. »Entschuldige, könntest du noch einmal wiederholen, was du gesagt hast?«
Noah stöhnte. »Ach, Emilia, in welcher mathematischen Formelwelt hängst du wieder rum?« Grinsend schüttelte er den Kopf. »Ich sagte, du musst dir keine Gedanken machen. Ich werde dich noch an einer der Bars einsetzen, aber zu einer späteren Zeit. Du bist erst kurz bei uns.«
Verärgert zog sie die Augenbrauen zusammen. Was redet er da? »Ich bin schon seit zwei Monaten hier, genauso lange wie Anna.«
»Die Frau kommt im Gegensatz zu dir aus der Gastronomie, ist viel älter als du.« Er warf ihr einen langen Blick zu. »Nach dem, was ich in deiner Personalakte gelesen habe, wirst du erst in ein paar Monaten 22 Jahre alt und hast in dieser Branche noch keine Erfahrungen gesammelt. Da lasse ich dich noch nicht zu den Kerlen raus. Wenn sie betrunken sind, können sie auch unfreundlich sein. Davor will ich dich schützen.«
»Dann kann man Kaffee anbieten. Das würde ich bei manchen Gästen eher tun, statt ihnen weiter Bier zu zapfen. Dann bekommen die Typen wieder einen klaren Kopf.«
Noah musterte Emilia mit einem sorgsamen Blick. »Schau an, schau an … Du scheinst aufzupassen, über Lösungen nachzudenken. Das gefällt mir.«
Sie nickte eifrig. »Ich kann sehr gut auf mich achtgeben, ruhig bleiben und mit schwierigen Situationen umgehen, wenn es erforderlich ist.« Sie wollte ihn davon überzeugen, dass er sie ohne schlechtes Gewissen an der Bar einsetzen könnte.
»Probiere es mit mir aus!«, forderte sie ihn auf, von einem plötzlichen Mut ergriffen. »Du wirst es nicht bereuen. Ich bin gut im Kopfrechnen und gesprächig.«
Sinnend betrachtete Noah Emilias Gesicht. »Du unterschätzt das, bist viel zu jung.«
»Ich bin überhaupt nicht zu jung«, widersprach Emilia. »Du findest ja nur, dass ich nicht deinem Klischee einer hübschen Frau entspreche, die mit ihren riesigen Brüsten wippt, mit dem Hintern wackelt und ihre wasserstoffblonden Haare aufreizend über die Schultern wirft. Nur diese Barbies gefallen dir. Du bist doch nur voreingenommen. Hier in der Küche sieht mich ja niemand. Für dein blödes Geschirr und Besteck bin ich dir gut genug.«
Aufgebracht warf sie das Handtuch auf den Tisch, pustete sich eine lange Strähne aus dem Gesicht und funkelte ihn an. Sie hatte sich hier beworben, um mit dem Gehalt und dem Trinkgeld ihre Finanzen während des Studiums aufzubessern. Doch in der Küche verdiente sie nicht so viel wie an der Bar, obwohl auch hier die Arbeit anstrengend war.
Doch ein Mann wie Noah konnte sich in die Probleme einer armen Studentin nicht hineindenken. Ihm schien es finanziell gutzugehen, wie sie es an seinen teuren Klamotten und der Hugo Boss Uhr am Handgelenk erkannte. Und von Paul hatte sie vernommen, dass er Weihnachten in die Karibik zum Surfen fliegen würde. Klar, ihm war das daher egal, ob sie finanziell zurechtkam oder nicht. Hauptsache, sein Leben war schön und erlebnisreich.
»Du hast eine ziemlich vorgefertigte Meinung von mir. Wenn es dir um einen besseren Verdienst geht, dann können wir darüber reden. Ich will dich nicht unterbezahlen.«
»Es geht mir nicht nur ums Geld«, widersprach Emilia heftig. »Ich will diese stupide Arbeit nicht mehr machen, nur weil du mich nicht sexy genug findest.«
»Du bist noch keine Frau in meinen Augen, sondern ein junges Mädchen. Also denke ich nicht darüber nach, ob du sexy bist oder nicht! Hier bin ich dein Chef, treffe Entscheidungen und sage: Du wirst noch mindestens vier Monate in der Küche bleiben und dich um das schmutzige Geschirr und das Besteck kümmern!«
Emilia presste die Lippen zusammen, spürte, wie der Zorn in ihr aufstieg. Der Kerl machte sie nervös, zu faszinierend fand sie ihn, und er sah in ihr nur ein kleines Mädchen, das er wie Aschenputtel die Drecksarbeit erledigen ließ. »Ich bin aber eine Frau!«
Noah stand auf, warf das Handtuch zum Besteck. Er schob den Stuhl unter den Tisch zurück und sah Emilia prüfend an. Seine Augen wanderten über ihren Körper. »Umso bedauerlicher, dass ich mit dir dann nicht wie mit einer Frau reden kann. Du bist innerlich wie äußerlich noch ein junges Mädchen.« Er lächelte. »Glaub mir, unter anderen Umständen und wenn du einige Jahre älter wärst, würdest du mir tatsächlich gefährlich werden können … Das zu deinem Vorurteil, was meinen Frauengeschmack betrifft.«
Die Worte trafen Emilia wie ein Stromschlag. Hat er das tatsächlich gerade zu mir gesagt? Ich könnte Noah gefährlich werden, wenn ich älter wäre? Oder war das eine Verarsche, macht er sich über mich lustig?
Schlagartig hatte sie das Gefühl, alles um sie herum drehte sich, die Wände, der Fußboden, die Küchengeräte. Sie hielt sich an der Tischkante fest, starrte Noah hinterher, der bereits den Küchenbereich verlassen hatte und zu Paul gegangen war, ohne sich noch einmal zu ihr umgedreht zu haben. Emilia beobachtete, wie er dem jungen Mann mit den Rastazöpfen den Arm um die Schultern legte und etwas zu ihm sagte. Wie in Stein gemeißelt, stand sie da, konnte ihre Augen nicht von ihm lösen. Das Gefühlschaos, das Noah Schönfeldt in ihrem Herzen angerichtet hatte, war nun nicht mehr zu entwirren.
Doch plötzlich vernahm sie ein Brummen.
Erschrocken fuhr sie herum, blinzelte Brandes an.
Der Küchenchef erwiderte ihren Blick. Er hatte ein feistes Gesicht, scharfe Augen unter buschigen Brauen. Den schmallippigen Mund hatte er missbilligend verzogen. »Wirst du fürs Gaffen auf Schönfeldt bezahlt?«
Emilia wäre am liebsten aus der Küche gerannt, derart peinlich war es ihr, dass der fette Brandes bemerkt hatte, wie sie Noah beobachtete. Er schaute geringschätzend auf ihre Arbeit. Mit gerunzelter Stirn hob er mit seinen Wurstfingern eine Gabel, betrachtete sie rundherum, schnaufte, und warf sie zum abgetrockneten Besteckberg.
»Du bist wirklich für alles hier zu langsam, für die Küche völlig ungeeignet. Ich habe ja Schönfeldt vorhin gesagt, er soll dich rausschmeißen. Hatte er mit dir nicht darüber gesprochen? Mädel, du bist für ihn verschwendetes Geld. Ich verstehe nicht, warum er bei dir nicht wie ein Geschäftsmann denkt?« Er sah sie mit kalter Miene an, schüttelte den Kopf.
Das war zu viel für Emilia! Wut stieg in ihr auf. Brandes war ein ekelhafter Typ. Was wusste sie, warum sie nicht entlassen wurde? Noah hatte das mit keinem Wort erwähnt, während er mit ihr gesprochen hatte. Spielen die Chefs mit mir Katz und Maus? Warten Noah und Marc bis sie eine neue Spülkraft haben und verpassen mir dann einen Tritt?, fragte sie sich und schnappte nach Luft. Ich muss hier raus!
Emilia kehrte Brandes den Rücken zu und rannte zum Hinterausgang der Küche. Sie riss die Tür auf und stürzte nach draußen. Blind lief sie vorwärts. Doch plötzlich stolperte Emilia und schrie erschrocken auf. Wild mit den Armen rudernd, kämpfte sie um die Balance.
Wenn in diesem Moment nicht ein mit Maori-Tattoos verzierter Arm ihre Taille umschlungen hätte, wäre sie mit ihrem Körper der Länge nach auf der Straße hingeschlagen.

»Vorsicht, ich habe dir nichts getan, also nimm die Arme herunter!«, hörte sie Noahs Stimme dicht an ihrem Ohr. »Oder willst du mich schlagen?«
Emilia blickte auf und sah in seine blauen Augen, die sie verwundert anblickten.
»Hey, was ist los?«, fragte er und hielt sie fest.
»Nichts«, platzte es aus ihr heraus, während sie versuchte, sich aus Noahs festem Griff zu winden und seine Hand abzuschütteln. Emilia seufzte, es war zwecklos.
»Klar.« Noah ließ sie los und trat zwei Schritte zurück. »Deshalb bist du aus der Küche geflüchtet, weil ja nichts ist.«
Emilia schaute zu ihm auf. Sie sah, dass Noah hinter sich blickte, als ob er sichergehen wollte, dass sie allein waren. Aber die Tür war längst zugefallen.
Wenn es nicht Noah wäre, der ihr hinterhergekommen war, würde sie fast glauben, er hätte sich um sie gesorgt. Aber er steckte mit dem Küchentyrannen unter einer Decke. »Ich glaube, dass du weißt, was mir Brandes gesagt hat«, erwiderte Emilia trotzig.
»Aha, daher weht der Wind.«
Emilia wich einen Schritt zurück und winkte ab. »Ach, lass mich einfach in Ruhe!«
Als sie sich an ihm vorbeidrängeln wollte, versperrte er ihr den Weg. »Wir können reden, wenn du willst.«
»Nein, Noah, ich brauche kurz frische Luft, dann kehre ich an die Arbeit zurück.«
»Emilia.« Er trat so dicht auf Emilia zu, dass sie sein Aftershave riechen konnte. Als er sich zu ihrem Gesicht beugte, dass seine Stirn nur eine Handbreite von ihrer entfernt war, japste sie nach Luft. Noahs Nähe weckte ein Kribbeln in ihrem Körper.
»Noah, ich brauche einfach ein bisschen Ruhe!«, flehte sie. Es war ihr egal, wie verzweifelt ihre Bitte sich anhörte, aber die Worte von Brandes musste sie noch verdauen.
Einen Augenblick schwieg Noah und musterte Emilia nachdenklich, bevor er den Kopf hob und den Mund öffnete. »Was hältst du davon, wenn wir in das Café vorne um die Ecke gehen und einen Kaffee trinken? Dort können wir ungestört reden.« Er zwinkerte ihr zu. »Sag ja!« Entgegen Emilias Erwartungen blieb Noah nett und lächelte. Wüsste Emilia es nicht besser, würde sie glauben, dass sie ihm nicht gleichgültig war. Denn eigentlich bewies er es ihr ständig, dass sie für ihn nur eine Spülkraft war. Aber sein Angebot zurückzuweisen, wäre auch nicht richtig. Immerhin war er ihr Chef. Darum willigte sie ein. »Okay. Reden können wir.«
»Schön«, sagte Noah und zog sein Handy hervor. Schnell tippte er eine Nachricht, bevor er es wieder in die Hosentasche schob.
»Na, dann komm!«, forderte Noah sie auf. »Ich habe Marc Bescheid gegeben, dass wir in einer Stunde zurück sind.«
Emilia stutzte. »Du hast Marc geschrieben, dass wir beide für eine Stunde nicht im Club sind?«
Verwirrt runzelte Noah die Stirn. Dann lachte er kopfschüttelnd. »Natürlich, sonst setzt Marc noch eine Suchmeldung in die Zeitung, weil wir verschollen sind.«
»Äh … Klar.« Logisch, dass er Marc informieren musste, dass er mit ihr den Club verlassen hatte. Das wurde ja kein heimliches Date, sondern ein stinknormales Gespräch zwischen Chef und Angestellten. Eigentlich schade.
Auf dem Weg zum Café sah Noah sie von der Seite an. »Dass wir uns einmal privat unterhalten, hätte ich nicht gedacht«, bemerkte er. »Ich weiß wenig über dich.«
»Du fragst ja auch nicht.«
»Stimmt, tue ich nicht.« Noahs Mundwinkel zuckten nach oben, und selbst dieses kleine Lächeln sendete Stromstöße durch Emilias Körper.
»Willst du denn …«
Nein!
Rasch biss sich Emilia auf die Unterlippe, bevor ihr die verfängliche Frage vollständig aus dem Mund rutschte.
Sie musste unbedingt aufpassen. War doch klar, dass sie mit ihm keine normale Unterhaltung führen konnte, dafür interessierte sich Emilia viel zu sehr für ihn, aber er sich kaum für sie. Und beinahe hätte sie sich verraten.
Noah holte tief Luft, bevor er antwortete. »Manchmal ist es besser, wenn man auf Abstand bleibt und nicht zu viel voneinander weiß.«
Wie meint er das? Ihr Magen krampfte. Emilia spürte plötzlich, dass sie enttäuscht darüber war, dass er Distanz wahren wollte.
»Aber trotzdem erzählst du mir, warum du aus der Küche geflüchtet bist«, hakte Noah noch einmal nach.
Mit Blick zum Himmel stöhnte Emilia. »Ja, wir reden darüber. Du bist unglaublich hartnäckig.« Sie sah in Noahs Gesicht. Ein Schmunzeln konnte sie sich nicht verkneifen. »Bekommst du immer, was du willst?«
Noahs Augen funkelten und mit einem amüsierten Lächeln blickte er auf sie herab. »Davon kannst du ausgehen«, sagte er, und Emilia unterdrückte einen Seufzer, während die Hitze erneut in ihre Wangen schoss. Seine Stimme war die reinste Verführung, sinnlich und tief. Und als er die Worte formte, starrte Emilia ihm wie hypnotisiert auf die Lippen. Als sie es bemerkte, wandte sie hastig das Gesicht ab. Emilia verkniff es sich, ihn noch einmal direkt anzusehen, aber aus dem Augenwinkel wagte sie einen kurzen Blick. Wie wunderbar musste es sein, von diesen Lippen geküsst zu werden. O Gott, nein! Ich darf nicht an seinen schönen Mund denken!
Mühsam schluckte sie einen Kloß hinunter, der plötzlich in ihrem Hals steckte. Was geht denn jetzt schon wieder in meinem Kopf vor? Sie sollte sich ablenken, statt an Noahs Lippen zu denken. Nur mit viel Willenskraft schaffte es Emilia, ihre Gedanken auf die Uni zu richten und die Gefühle für ihn beiseitezuschieben.
»Wir sind nicht umsonst hier, der Laden ist offen«, hörte sie ihn sagen, nachdem sie den Weg nach links eingebogen waren und Licht durch die großen Fenster des Cafés gesehen hatten.
Noah öffnete die Eingangstür und ließ Emilia den Vortritt. Drinnen war es fast leer. »Dort ist ein guter Platz.« Noah steuerte auf einen hinteren Tisch zu und Emilia folgte ihm.

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Kapitel 2 - Noah

Noah konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als er Emilia das erste Mal begegnet war. Es war Mitte August. Dringend hatten sie eine Spülkraft gesucht, aber keiner mochte den Job. Daher war es schwer, für solch eine öde Tätigkeit jemanden zu finden, und sie waren erleichtert, dass Emilia sich auf die Stelle beworben hatte.
Damit das Mädchen den Arbeitsvertrag schlussendlich unterschrieb, hatte sein Geschäftsführer ihr versprochen, dass sie irgendwann die Möglichkeit bekäme, an einer der Bars zu arbeiten. Nun gut, das entsprach nicht unbedingt der Wahrheit, aber Not machte bekannterweise erfinderisch. Marc, Noahs engster Kumpel und rechte Hand, lockte mit Angeboten, damit Bewerber blieben. Manchmal war das unumgänglich.
Der Club war die angesagteste Adresse in Berlin, stets überfüllt und mit zahlungswilligem Publikum. Da die schönsten Mädels der Stadt hier am liebsten feierten, wurde der Club auch schnell für Touristen und Promis ein Besuchermagnet. Und dass er der Besitzer des Ladens war: That’s Fun! Noah war stolz auf das, was er erreicht hatte.
Doch nun saß er hier mit Emilia und musste alles Erdenkliche tun, damit sie den Job nicht kündigte. Da das Essen im Club einen guten Ruf hatte, brauchte er seine Spülkraft. Deshalb musste das Mädchen durchhalten, und Brandes war schon immer ein Fiesling gewesen, aber ein stressresistenter und hervorragender Koch. Auf ihn konnte er noch weniger verzichten, daher ließ er Brandes’ fiese Kommentare ab und zu durchgehen.
Aber nun schien es, dass der Küchenchef den Bogen überspannt hatte. Noah wusste, er würde mit ihm reden müssen. Aber zunächst galt es, Emilia zu beruhigen. Er hatte Mitleid mit dem Mädchen, weil er sich irgendwie für sie verantwortlich fühlte, und der Anschiss war ja wohl das Letzte.
Noah betrachtete sie. Emilia war wirklich süß. Seit sie im Club arbeitete, beobachtete er sie heimlich. Schon am ersten Tag war sie ihm aufgefallen. Er war mit Paul die Getränkebestände durchgegangen. Dabei hatte er sie gemustert: volle Lippen, lange schokobraune Haare, dunkle Augen mit dichten Wimpern. Sie besaß eine tolle Figur mit üppigen Brüsten und einem hübschen Hintern. Noah liebte Rundungen an den richtigen Stellen. Er erinnerte sich, wie anziehend er sie gefunden hatte, denn er konnte sich kaum auf Paul konzentrieren, weil es ihm schwerfiel, den Blick von ihrem Gesicht, ihrem wunderschönen Körper zu lösen. Erst als sein Barkeeper komische Bemerkungen machte, weil er ihm nicht zuhörte, hatte er sich von Emilias Anblick losgerissen.
Ein wenig erinnerte sie ihn an Mia. Er hatte sich damals in diese Studentin verliebt. Mia war zurückhaltend, attraktiv und klug gewesen. Aber leider war sie nicht über ihren Ex hinweggekommen. Er hatte sich viel Mühe gegeben, das Mädchen für sich zu gewinnen. Erfolglos. Über zwei Jahre war es schon her, dass er die Reißleine gezogen hatte und sich von ihr trennte. Es ging nicht anders, und es war ein brennender Schmerz gewesen, den er danach verspürt hatte. Zwar nicht so schlimm wie der Verlust von Marie, aber ausreichend, dass er das nicht noch einmal fühlen wollte. Trennungen waren einfach nur scheiße. Und wenn die Frau auch noch sehr jung war, dann tat das zusätzlich seinem Ego weh. Also waren hübsche Studentinnen seitdem tabu und darum würde er auch die Finger von Emilia lassen, bevor er in ihre Falle tappen würde. Immerhin war er dieses Jahr 33 Jahre geworden, deshalb auch zu alt für sie. Und nach der schrecklichen Sache mit Marie, die wenige Wochen nach der Trennung von Mia passierte, wollte und durfte er sich generell auf keine ernsthafte Beziehung mehr einlassen.
Maries Tod hatte ihm das Herz zerrissen, ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen, denn es gab eine Zeit, da bedeutete ihm seine Exfrau alles. Noch immer trauerte er um sie.
Durch die danach übernommene Verantwortung war sein Leben viel komplizierter geworden. Darum hatte er sich dazu entschlossen, sich nur noch auf One-Night-Stands mit willigen Bitches einzulassen.
Diese fand er im Club zur Genüge. Frauen, die dachten, sie seien außergewöhnlich schön und etwas Besonderes, die dem Trugschluss unterlagen, ihn für eine Beziehung gewinnen zu können, nur weil sie seinen Schwanz gut geblasen hatten.
Wenn es dann doch vorkam, dass eine Frau zu aufdringlich wurde, ihn bis in den Club stalkte, gab es zum eigenen Schutz das Hausverbot. Denn rumgemacht und gevögelt wurde nur einmal. Im privaten Hinterzimmer seines Arbeitsbereichs, der dem öffentlichen Publikumsverkehr nicht zugänglich war. Noah verheimlichte seine Einstellung nicht. Dass er keine weiteren Treffen wollte, klärte er vorher. Nur in Ausnahmefällen traf er sich mit einer Frau ein zweites oder drittes Mal. Aber mal ehrlich … Fuck, was ist dabei?, so dachte er. Er mochte Frauen. Nur Gefühle ließ Noah außen vor.
Das hatte er an Maries Grab geschworen, als es darum ging, ihren letzten Wunsch zu erfüllen, der sein Leben verändert hatte. Und endlich war es ihm gelungen, sein Herz zu verschließen, und das würde er für keine Frau mehr öffnen – auch nicht für Emilia.
Noah hatte die Unterarme auf den Tisch gelegt. Er bemerkte, wie Emilia die Motive seiner Tattoos betrachtete.
»Gefallen sie dir?« Sie nickte. »Wo hast du sie machen lassen?«
»Bei einem ehemaligen Bekannten in Hamburg, der dort ein Tattoostudio betreibt.«
Emilia lächelte … Ein schönes Lächeln.
»Hat das Stechen wehgetan?«
»Emilia, wir sind nicht wegen meiner Tattoos hier!«
»Aber du hast mit dem Thema angefangen.«
»Stimmt.«
Noah fuhr sich durchs Haar und überlegte eine Antwort. »Es ist ein Gefühl, als ob dich Wespen stechen, also auszuhalten.«
Er schmunzelte. Es gefiel ihm, wie sie die Augen aufriss und ihr Blick zwischen seinem Gesicht und den Motiven hin und her wanderte. Emilia machte eine bewundernde Miene, als ob sie sich gerade vorstellte, wie er damals wohl auf dem Tattoostuhl gesessen hatte und ohne mit einem Muskel zu zucken, die stundenlange Prozedur über sich ergehen ließ. Wenn Emilia wüsste, wie er während jeder Sitzung die Zähne zusammengebissen hatte, um sich nichts anmerken zu lassen. Lee hätte ihn sonst eine Pussy genannt. Der Kunde hat zu schweigen und zufrieden zu lächeln, wenn die Nadel sich mit der Haut vergnügt, pflegte der Tätowierer stets zu seinen Kunden zu sagen. Noah hatte geschwiegen. Na ja … Gelächelt eher weniger. Er stand nicht so auf Schmerzen.
»Haben die Motive eine bestimmte Bedeutung?«, wollte Emilia wissen.
Noah nickte. »Auf dem linken Oberarm habe ich das Marquesas Kreuz mir stechen lassen, das die vier Weltrichtungen symbolisiert.«
Er zeigte Emilia den Arm und schob den Stoff des T-Shirts ein Stück höher. »Es bedeutet Gleichgewicht, Harmonie, Stabilität und Ruhe.«
Noah erklärte noch weitere Motive, welche Tiere und Zeichen er auf der Haut trug. Es überraschte ihn, wie gespannt Emilia zuhörte, dass es ihm vorkam, als ob sie sich tatsächlich für die Maori-Kultur interessierte. Doch als er bemerkte, wie Emilias Augen zu leuchten begannen, sich ihr Gesicht wie vorhin auf der Straße rötete, brach er ab. Um Himmels willen, bitte nicht noch eine Angestellte, die sich in mich verliebt!, stöhnte Noah innerlich. Dass er Emilia nicht gleichgültig war, den Verdacht hatte er schon eine Weile.
»Was magst du trinken? Kaffee, heiße Schokolade?«, fragte Noah Emilia und winkte die Bedienung heran. »Ich trinke selten Kaffee, ab und zu Cappuccino. Jetzt mag ich lieber Pfefferminztee.«
»Tee?« Noah lachte leise. »Eine Studentin, die Kräutertee mag? Ich dachte, ihr Superschlauen steht nur auf Koffein?«
Eine blonde Kellnerin kam an den Tisch und wollte eine Speisekarte reichen, aber Noah winkte ab, zeigte erst auf Emilia, dann auf sich. »Für sie einen Pfefferminztee, für mich bitte einen doppelten Espresso.«
Während sie auf die Getränke warteten, fragte Noah Emilia über das Studium aus. Es beeindruckte ihn, dass sie Informatik und Mathematik studierte.
Sie strahlte ihn an. »Wenn du mal Probleme mit deinem PC oder Laptop hast, dann kann ich dir bestimmt helfen … Ich meine, wenn du willst.«
Mit der Zungenspitze leckte sich Emilia langsam über die Unterlippe und lächelte.
Fuck!
Diesen Gesichtsausdruck kannte er zu gut … Den setzten Frauen auf, wenn sie ihn anmachten. Er blinzelte. Versucht Emilia, mit mir zu flirten?, schoss es ihm in den Kopf. Sofort Themawechsel, sonst mach ich noch mit.
Noah räusperte sich. Er wartete, bis die Kellnerin die Getränke serviert hatte und verschwand. »Also, Emilia. Ich möchte, dass du bei uns im Club bleibst und selbstverständlich rede ich mit Jochen, dass er so nicht noch einmal mit dir …«
»Du hast es mitbekommen?«, unterbrach sie ihn und nippte am Tee. Er nickte. »Hab ich und es tut mir leid, was passiert ist. Jochens Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Ich sorge dafür, dass er nie wieder so mit dir spricht. Aber …«
»Aber …?« Erneut leckte Emilia über ihre Unterlippe, während sie ihn mit großen Augen ansah. Verdammt, Emilia, sieh mich nicht so an und hör auf, das mit deiner Zunge zu machen!, dachte Noah ärgerlich. Gegen seinen Willen zuckte sein Schwanz in der Hose. Die Jeans wurde mächtig eng und das beunruhigte ihn.
»Flirtest du mit mir?«, brach es aus ihm heraus. »Hör sofort auf damit!«
Emilia starrte ihn an. »Ich tue was?«
»Du flirtest. Das merke ich doch.« Er hatte sie ertappt, ihr Blick flackerte. Sie fand ihn definitiv scharf. Mit einem Seufzer legte sie ihre Hand auf die Brust. »Ich versichere dir, ich habe nicht geflirtet.«
»Klar.«
»Du täuschst dich«, stritt sie ab. »Ich habe das nicht gemacht.« Sie bekam rote Flecken am Hals, und nun konnte sie es nicht mehr verbergen, dass sie gelogen hatte.
Noah lächelte kopfschüttelnd. »Pass auf, Emilia, wenn es darum geht, kann mir keine Frau was vormachen. Aber damit das klar ist …« Er streckte den Arm aus und hob mit dem Zeigefinger ihr Kinn. »Versteh mich bitte nicht falsch. Du bist ein hübsches Mädchen, aber ich will nichts von dir.« Bullshit. Emilia hat keine Ahnung, dass ein Fingerschnippen reicht, und schon hat sie mich an den Eiern.
Ihr nun finsterer Blick machte seinen Schwanz jetzt richtig hart.
»Okay, ich habe dich verstanden. Du musst nicht noch länger darauf herumreiten.« Obwohl Emilia das sagte, leckte sie wieder über die Unterlippe. Hat sie einen Zwang? Die Frau macht mich wahnsinnig!
Da saß ihm Emilia in lila Hosen und gepunktetem Shirt gegenüber und gleich platzte ihm die Hose. Noah konnte sich nicht wehren, plötzlich stellte er sich vor, sie würde statt diesen langweiligen Klamotten ein schwarzes Kleid tragen, eng geschnitten. Ihre Brüste würden herausquellen und der Stoff über ihren breiten Arsch spannen.
O Gott … Was stelle ich mir gerade vor?
Warum war ich nur auf die dumme Idee gekommen, mit ihr das Café aufzusuchen?
Er musste sofort den Laden verlassen. Hastig sprang Noah auf, zog einen geknüllten Zwanziger aus der Hosentasche und warf ihn auf den Tisch. »Lass uns abhauen!«, sagte er schärfer als beabsichtigt. Emilia starrte zuerst verwundert auf seinen unberührten Espresso, dann auf den Geldschein. Schließlich erhob auch sie sich von ihrem Platz.
»Bist du immer so großzügig?«, erkundigte sich Emilia spöttisch.
»Ja, immer.«
»Aha.«
Dieses Aha … Was geht denn jetzt ab? Ich komme gleich in meiner Hose und sie denkt darüber nach, ob ich ein bescheuerter Snob bin? Noah merkte, er musste so schnell wie möglich aus der Situation flüchten. Wieso passiert das hier?, überlegte er und warf einen Blick auf seine Uhr. Wir saßen knapp eine halbe Stunde im Café und ich steh kurz davor, meine Vorsätze, mit Emilia nichts anzufangen, in den Wind zu schießen? Für Noah ging das gar nicht, was sie in ihm auslöste.
Während sie nebeneinander zum Club zurückgingen, war die Stimmung zwischen ihnen angespannt. Als sie den Hintereingang erreichten, atmete er erleichtert auf.
Bloß weg von dem Mädchen, bevor ich mich nicht mehr beherrschen kann und sie in mein Bett verschleppe!

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Kapitel 3 - Emilia

Die ersten zwei Wochen der Vorlesungszeit des Wintersemesters an der Universität waren aufregend gewesen. Emilia hatte für ihre im elektronischen Service gebuchten Veranstaltungen die Zusagen erhalten und war zufrieden, dass alles reibungslos geklappt hatte, ihre Wochenpläne nicht neu angepasst werden mussten. Denn wenn sie etwas hasste, waren es unerwartete Veränderungen. Dass das Modul Advanced Game Technology ausfallen könnte, hatte sich zum Glück nicht bewahrheitet. Professor Salmankan trat seine Stelle doch noch an. Einige Wochen hing die Veranstaltung mit den Vorlesungen, Seminaren und Labortagen in der Schwebe.
»Hi, Emmi«, hörte sie eine Stimme. Der Stuhl neben ihrem knarrte. Jannick ließ sich auf den Sitz fallen, klappte den kleinen Tisch vor sich herunter und zog aus der Umhängetasche den Laptop.
»Hey, Jannick!« Emilia war erleichtert, dass ihr Freund noch kurzfristig die Zusage für das Modul bekommen hatte. Er hing mit den Einschreibungen meist hinterher, vergaß oft die Fristen und musste sich schon manches Mal mit den unbeliebten Kursen begnügen. Emilia war das Gegenteil, wollte überall die Erste sein. Sie wusste, dass sie dabei übertrieb. Eine Macke von ihr, aber so war sie schon als Kind gewesen. Jedoch verfolgte Emilia die Angst, etwas zu verpassen oder Termine zu vergessen. Leider hatte sie noch kein Rezept gefunden, ruhiger an die Dinge heranzugehen.
Grinsend schob Jannick seine schwarz gerahmte Brille über die Nasenwurzel und strich sich durch das dunkelbraune Haar. »Super, dass wir die Zusage für das Modul haben. Salmankan soll eine Koryphäe auf dem Gebiet der Computergrafik sein. Ich bin froh, dass er den Lehrstuhl hier angenommen hat.« Sein Finger spielte erneut mit der Brille, ein Tick, den er hatte, wenn er nervös war. Und Jannick war ständig nervös, jede Situation konnte ihn aus dem Konzept bringen. Emilia schmunzelte. Schwupp, schon schob er den Steg wieder über den Nasenrücken, als ob Jannick die Brille an die Stirn kleben wollte, doch rutschte sie sofort zum kleinen Höcker zurück und blieb dort liegen.
»Wie läuft’s mit Till?«, fragte Emilia.
Sie hatte ihren Freund einige Wochen nicht gesehen, nur mit ihm telefoniert. Obwohl Jannick seinen Lover nicht erwähnt hatte, ahnte Emilia, dass das Gefummel am Gestell mit ihm zusammenhing. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie sich Jannick genauer an. Till tat ihm gut, ihr Freund wirkte verändert.
Das Haar trug Jannick kürzer und strubbelig gestylt. Statt einem karierten Hemd und der obligatorischen braunen Kordhose war er mit einem grauen T-Shirt, engen, blauen Jeans und Boots bekleidet. Er sah nicht mehr wie ein Nerd aus, eher wie ein sexy Modelltyp. Kleider machen Leute, dachte sie. An dem Spruch war was dran.
Emilia zog nachdenklich die Stirn in Falten. Irgendwie hatten sie und ihre Freunde immer wie Nerds ausgesehen, außer Lilly, die besonders wert auf coole Klamotten legte, vor allem, seit sie mit Aron in einer festen Beziehung war. Es begann zu Beginn des vergangenen Sommersemesters, während sie gemeinsam Noahs Club besuchten, wo Aron als Türsteher arbeitete. Liebe auf den ersten Blick. So konnte man das zwischen den beiden nennen. Nun jobbten Emilia und Lillys Freund gemeinsam im Club.
»Till hat mich gestern angerufen. Er hat sich entschieden, nächstes Jahr von Göttingen nach Berlin zu ziehen, um mit mir gemeinsam hier zu studieren.«
»Tatsächlich?« Emilia schüttelte den Kopf. »Dass es so ernst zwischen euch wird, hätte ich nicht gedacht. Aber ich finde seine Entscheidung toll.«
Jannick hob die Schultern. »Ich hatte das auch nicht erwartet, aber der Urlaub in Kroatien hatte ihn wohl überzeugt, dass er ohne mich nicht mehr leben will, die Entfernung ihm nun doch zu groß ist.« Er seufzte lächelnd. »Ich bin absolut happy.«
»O ja, das glaube ich.«
»Und wie ist es bei dir … Also mit deinem Chef?«, hakte Jannick nach.
Emilia zuckte mit den Achseln. »Ich hatte dir ja von der Story im Café erzählt.«
Jannick nickte wissend, studierte aufmerksam Emilias Gesicht. »Die Sache vor drei Tagen, wo er annahm, du versuchst, ihn klarzumachen.«
»Hm. Seitdem behandelt er mich wie Luft.«
Es tat weh, dass Noah mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte. Das war aber auch eine kindische Geschichte, die sie sich mit ihm erlaubt hatte. Wie konnte ich nur auf diese behämmerte Idee kommen, ihn mit meiner Zunge zu provozieren?, ärgerte sie sich.
Die ersten zwei Male, als Emilia sich über die Unterlippe geleckt hatte, waren unbeabsichtigte Aktionen. Beim dritten Mal wollte sie ihn reizen. Noah hatte ihr dann unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er das bescheuert fand. Er war mächtig sauer gewesen. Wie dumm das von ihr war, sich derart plump zu verhalten. Noah war ein Mann, kein dämlicher Junge. Und sie hatte sich wie ein einfältiges Mädchen benommen.
»Du schämst dich, dass er schlecht über dich denkt«, beantwortete Jannick Emilias unausgesprochene Gedanken.
Seufzend nickt sie. »Ich würde das am liebsten rückgängig machen, aber die Einsicht kommt zu spät.« Plötzlich knallte die Tür. Ein kleiner, hagerer Mann in einem zerknitterten, braunen Anzug war in den Vorlesungssaal gestürmt.
Sofort hörte das Gemurmel in den Reihen auf, alle Gesichter wandten sich zum Rednerpult.
Professor Salmankan war einige Minuten zu spät gekommen. Kurzes Durchschnaufen, dann begann er mit einem nicht enden wollenden Monolog.
»Ich begrüße alle Teilnehmer dieser Lehrveranstaltung. Mein Name ist Madhu Salmankan und meine Familie stammt aus Indien. Ich verspreche Ihnen, dass Sie eine Menge neues Wissen mitnehmen, wenn Sie bereit sind, sich auf dieses Modul einzulassen. Sie werden den aktuellen Forschungsstand im Bereich Computergrafik kennenlernen und wichtige Fähigkeit erlangen, um neue technologische Trends zu analysieren und zu hinterfragen. Wir befassen uns mit den wichtigsten Methoden der Bildsynthese, und zwar für die interaktive Darstellung, so wie für Offline- und Realtime-Rendering.«
Emilia verdrehte die Augen. Bla, bla, bla. Wie das nervt. Mit den Fingern machte sie einen sprechenden Mund nach. Der Mann sollte lieber mit der richtigen Vorlesung beginnen. Jedes Mal dieses langweilige Einführungsgeschwafel, das sich kein Prof nehmen lassen wollte, einfach grässlich.
Jannick neigte sich zu Emilia. »Salmankan erinnert mich an Raj aus The Big Bang Theory. Diese lallenden, schnellen Worte sind echt lustig.«
Emilia kicherte, riss aber im nächsten Moment erschrocken die Augen auf, als Salmankan sie und Jannick streng musterte.
»Na, da haben wir schon zwei vorwitzige Kandidaten für das erste Referat unseres Seminars nächste Woche. Meine Dame und mein Herr, ich erwarte Sie nach der Vorlesung hier vorne!«
Verdammt, hätten wir doch bloß weiter hinten gesessen!, ärgerte sich Emilia.
Sie mochte es nicht, gleich zu Beginn des Semesters mit Aufgaben eingedeckt zu werden. Sie war ein zögerlicher Typ, wartete lieber ab, um sich ein Bild von den Anforderungen der Profs zu machen, welche Leistungen sie von Studenten erwarteten. Jannick dachte ähnlich, wie sie an seinem Knurren hörte. Das war ein fieses Eigentor, das sie sich beide geschossen hatten. Echt klasse gemacht!

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Kapitel 4 - Emilia

Die Vorbereitung zum Referatsthema Die Simulation von globalen Beleuchtungseffekten war besser gelaufen als erwartet. Alles, was an Literatur für die Ausarbeitung nötig war, hatte es in der Bibliothek gegeben, das Internet war ebenfalls ergiebig. Selbständig hatten sich Jannick und Emilia mit den untereinander aufgeteilten Schwerpunkten ihres Vortrags befasst. Hätten sie doch bloß nicht in Salmankans Vorlesung gequatscht! Das waren vier Tage Schufterei. Am Freitagvormittag waren sie schließlich in der Cafeteria verabredet gewesen und hatten ihre Aufzeichnungen verglichen. Emilia war danach überzeugt, dass der Prof mit ihrem Referat zufrieden sein würde.
Nach dem Mittagessen war sie zum Ku’damm gefahren, um sich neu einzukleiden. Jannick fuhr zum Flughafen Tegel, weil Till übers Wochenende kam. Die Jungs planten für Samstag, Wohnungen im Stadtteil Friedrichshain zu besichtigen; eine beliebte Gegend unter Studenten, weil die Mieten hier erschwinglich waren.
Als Emilia nachmittags in ihrem Wohnheimzimmer angekommen war, verteilte sie die neuen Klamotten auf dem Bett und betrachtete sie. Nachdenklich kaute sie auf der Unterlippe. Hoffentlich würden die Anschaffungen ihr gut stehen. Weil nicht nur Lilly, sondern nun auch Jannick sich für coole Outfits interessierte, wollte Emilia ihren Freunden in Sachen Mode nicht nachstehen. Und wer weiß, vielleicht wird Noah mich dann mehr beachten?, überlegte sie.
Schluss Emilia, er hat dich bis jetzt nicht wahrgenommen und wird es auch in Zukunft nicht tun!, wetterte ihr Hirn. War ja klar, dass du, liebes Hirn, mit fiesen Kommentaren dazwischenfunkst. Emilia hatte nicht vor, ihr Selbstbewusstsein in den Keller zu schicken, diesmal würde sie mehr für ihr Ego tun. Sie entschied sich, die noch verfügbaren anderthalb Stunden für eine ausgiebige Dusche zu nutzen, bevor sie zur Schicht in den Club aufbrechen musste.
Gründlich seifte sich Emilia unter dem warmen Wasserstrahl ein, rasierte noch Achseln, Beine und Scham, widmete sich zum Schluss ihrer Mähne.
Die frisch gewaschenen und anschließend geföhnten Haare band sie zu einem lockeren Knoten zusammen. Mit klopfendem Herzen zog Emilia die ärmellose, kornblumenblaue Bluse mit der engen, schwarzen Jeans an, schlüpfte zum Schluss in schwarze Pumps mit kleinen Absätzen. Diesmal entschied sie sich, die Oberlider ihrer Augen mit dem Eyeliner nachzuziehen, die Wimpern zu tuschen und etwas Parfüm an den Hals zu sprühen. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel zog Emilia ihre Jacke an, schnappte die Tasche und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Wie jeden Freitag war der Club brechend voll. Durch die Räume drängten die Gäste. Es wurde getanzt, gelacht und viel getrunken. Alle hatten beste Laune. Außer Emilia.
Wütend stand sie an der Spülmaschine. Warum musste ich die bescheuerten, neuen Klamotten anziehen?, schalt Emilia sich. Rausgeschmissenes Geld, da hätte sie die Scheine auch gleich verbrennen können. Noah war es scheißegal, dass sie hier war. Nicht mal zur Begrüßung kam der Kerl.
Sie hatte auf ihn gewartet, war gespannt, wie er auf ihr neues Äußeres reagieren würde. Aber nichts geschah.
Scheiße. Scheiße. Scheiße.
Paul und Jonas hatten wenigstens anerkennend gepfiffen. Aron hatte ihr sogar ins Ohr geflüstert, dass Emilia heiß aussehe und wenn er nicht mit Lilly zusammen wäre, er voll auf sie abfahren würde. Das war so süß von ihm gewesen.
Emilia seufzte enttäuscht.
Wo steckt Noah?
Seit mindestens einer Stunde schaute Emilia aus dem Augenwinkel zum Barbereich.
Endlich kam Noah in die Küche.
Er stutzte, als sein Blick auf Emilia fiel. Ihr Herz wummerte, während seine Augen über ihren Körper schweiften. Gefalle ich ihm?, hoffte sie.
»Du siehst Ha …« Noah brach ab, schluckte und räusperte sich, bevor er mit scharfer Stimme fortfuhr: »Wieso hast du solche unmöglichen Klamotten während der Arbeit an? Kannst du überhaupt mit den Absätzen stehen? Die Nacht wird lang, da nehme ich keine Rücksicht auf deine schmerzenden Füße. Jammere bloß nicht rum!«
Emilia wusste nicht, wie ihr geschah.
Nein. Nein. Nein. So war das nicht geplant!
Mit allen Reaktionen hatte Emilia gerechnet, aber nicht mit dieser harten Abfuhr.
Sie reagierte verärgert. »Keine Sorge, die Pumps sind bequem, ich kann wunderbar in ihnen laufen.«
Emilia funkelte Noah an, drehte ihm schließlich bewusst den Rücken zu. Er konnte sie mal!
»Besser ist es«, hörte sie ihn hinter sich sagen. Dann verzog er sich mit einem gezischten Spruch, den sie nicht verstand, aus der Küche.
In Emilias Bauch brodelte es. Sie musste tief durchatmen, damit sie sich beruhigen konnte. Langsam funktionierte es.
Einige Minuten später kam Jonas zu ihr.
Er lächelte sanft. »Ich habe ihn gehört. Aber, Emmi, mach dir nichts aus Noahs Gelaber. Du siehst toll aus. Und wenn du Lust hast, bleiben wir nach der Arbeit hier und tanzen den Wochenstress aus den Beinen.«
Jonas war wie Emilia bis zwei Uhr für den Dienst eingeteilt, der Club hatte bis open end geöffnet.
Emilia dachte noch bei sich, dass es das Klügste wäre, sie würde gleich nach Schichtende verschwinden, aber der Vorschlag von Jonas klang verlockend. Sie wollte nicht wegen Noahs blöden Kommentar auf ihren Spaß verzichten, nur weil er nicht kapieren wollte, dass sie sich für ihn hübsch gemacht hatte.
»Gute Idee«, stimmte Emilia zu. »Ist schon eine Weile her, dass ich tanzen war.«
Jonas zwinkerte und hob den Daumen. »Dann erst recht. Bis nachher!«
Obwohl Emilia mächtig stinkig auf Noah war, freute sie sich auf die Nacht. Ihr Blick wanderte zu Brandes, der sie mit schmalen Augen musterte.
»Was?«, rief sie ihm zu. Wow, da war ich aber eben mutig, lobte Emilia sich beim Anblick von Brandes. Dem Küchentyrannen war die Kinnlade heruntergeklappt. Schnaufend wandte er sich ab und streute Kräuter auf zwei Salatteller. Tatsache. Noah hatte sein Versprechen wahr gemacht und mit dem Fettsack gesprochen. Emilia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Na gut, ist Noah doch kein so schlechter Kerl.

»Das war eine super Idee, dass wir noch bleiben«, rief Emilia freudig Jonas zu und schwang begeistert die Hüften. Sie tanzte unglaublich gern, ging aber viel zu selten aus. Wenn Lilly sie das nächste Mal fragen würde, ob sie gemeinsam um die Häuser ziehen wollten, dann würde Emilia zustimmen. Oder sie könnte selbst ihrer Freundin vorschlagen, tanzen zu gehen. Nichts sprach dagegen.
Jonas nahm Emilias Handgelenk und zog sie zu sich. »Komm, lass uns noch etwas an der Bar trinken«, brüllte er ihr ins Ohr.
Emilia strahlte mit heftigem Nicken. »Auf alle Fälle. Ich mag noch einen Campari O. Das Zeug schmeckt so gut.«
Gemeinsam quetschten sie sich durch die Menschenmenge, und Emilia merkte, wie sie im Takt der Musik den Kopf hin und her wiegte. Der Alkohol, der sich schon mit ihrem Blut vermischt hatte, ließ sie wie eine Feder schweben. Alles war lustig und unkompliziert, Noah weit weg.
Nachdem sie sich noch einen Drink genehmigt und ein paar weitere Runden getanzt hatten, spürte Emilia eine leichte Erschöpfung in ihren Beinen. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und ihr wurde schwindlig. Auch Jonas schien geschafft zu sein, wie sie an seinem Gähnen erkannte.
»Wollen wir aufbrechen? Ich würde dich nach Hause bringen, damit du nicht die Nacht allein unterwegs bist.«
Emilia schüttelte den Kopf. »Nein, ich bleibe noch. Aron nimmt mich nachher mit seinem Auto mit, hatte er mir angeboten. Am besten hole ich mir ein stilles Wasser und setze mich in eine Ecke.« »Okay, dann fahre ich allein, wenn du nicht mitkommen willst. Ich kann echt nicht mehr bleiben, das wird mir jetzt zu anstrengend. Gute Nacht, Emmi!«
»Keine Sorge, fahr nach Hause und schlaf gut«, erwiderte sie.
Jonas lächelte und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Mühsam drängelte er sich Richtung Ausgang. Emilia sah ihm hinterher. Jonas überragte die meisten Gäste, war fast so groß wie Noah, dass sie ihn noch einen Moment im Blick behalten konnte. Ein letztes Mal drehte er sich um, winkte ihr zu, dann war er verschwunden.
Als Emilia allein war, musste sie wieder an Noah denken. Sie grübelte. Sollte ich ihn suchen? Er war wie vom Erdboden verschwunden. Wenn er eine Frau abgeschleppt hätte, hätte sie es eigentlich sehen müssen. Aber sie konnte ihn nicht entdecken, obwohl sie schon suchend durch die Räume gewandert war. Ein schmerzhaftes Gefühl der Sehnsucht breitete sich in ihr aus, angefeuert vom vielen Alkohol.
Wehe, du läufst ihm nach!, schimpfte ihr Verstand.
»Klappe, Hirn, ich bestimme! Und ich sage dir, du dämliche Spaßbremse, ich gehe ihn suchen.« So, geklärt. Jetzt hat mein Verstand endlich mal richtig Zunder bekommen, dachte sie mit zufriedenem Grinsen.
Aber was guckte der Typ neben ihr so doof?
Shit, da habe ich wohl laut mit meinem Kopf gesprochen, durchfuhr es sie. Der Kerl starrte Emilia an, als ob er dachte, sie sei betrunken.
Bin ich es? Mal testen, ob ich noch zählen kann. Emilia zappelte mit der rechten Hand vor ihrem Gesicht herum und kniff angestrengt die Augen zusammen. Ein, zwei, drei, vier, fünf. Fünf Finger kann ich zählen. Eindeutig der Beweis, dass ich noch alle Sinne beieinanderhabe. Also, los geht’s, Mission Noah erfüllen!
Während die Musik durch die Räume dröhnte, gemischt mit Gelächter und Gesprächen, stöckelte Emilia auf ihren Pumps den Flur entlang, die Tür zu Noahs privatem Bereich in Sicht. Eigentlich durfte niemand ohne Erlaubnis dorthin, aber das war ihr im Augenblick egal. Ihr Körper trieb sie voran.
Überraschenderweise war die Tür nicht verschlossen, sodass Emilia den abgetrennten Gang betreten konnte. Langsam zog sie die Tür hinter sich zu.
Es war stockduster.
Ihre Hand tastete an der Wand entlang, bis sie den Lichtschalter gefunden hatte. Sie betätigte ihn und blinzelte bei der plötzlichen Helligkeit. Es schnürte ihr die Kehle vor Aufregung zu, als sie bemerkte, dass Noahs Arbeitszimmer nicht verschlossen war.
Zitternd öffnete Emilia die Tür und trat ein.
»Noah, bist du da?«
Keine Antwort.
Emilia knipste die Stehlampe an und sah sich mit offenem Mund um.
Das sah hier fast wie eine hübsche Wohnung aus, trotz des Schreibtischs und der vielen Ordner im Wandregal. Eine kuschelige Couch lud zum Fläzen ein, auf dem niedrigen Tisch lag eine Packung Kirschpralinen, zwei Gläser und eine Flasche Rotwein standen dazu. Aber was war da im Nachbarraum mit riesigen Kissen dekoriert …
Holy Shit, für was braucht er hier ein Doppelbett?, fragte sie sich.
»Sag mal, spinnst du?«, brüllte eine Stimme hinter ihr.
Emilia fuhr herum, sah in Noahs Gesicht.
Er stand im Türrahmen und starrte sie wütend an. Hinter ihm röchelte ein blutüberströmter Mann, gehalten von Aron. Der misshandelte Typ konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Wenn Lillys Freund ihn loslassen würde, klappte der Kerl zusammen.
Aron sah nicht weniger wütend aus. »Emmi? Was tust du hier?«, fauchte er.
»Entschuldigt, ich … Ich weiß nicht«, flüsterte sie eingeschüchtert.
Noah trat zwei Schritte auf sie zu. Emilias Blick schweifte zu seinen Händen. Die Haut über den Knöcheln war aufgeplatzt, die Finger blutig. Aufkeuchend wich sie zurück.
»Ich hätte nicht hier sein dürfen. Es tut mir leid.«
Emilia schluckte, spürte ihr Herz bis zum Hals pochen. In diesem Moment bekam sie fürchterliche Angst vor Noah.
War der Mann, der ihr schlaflose Nächte bereitete, ein brutaler Schläger?
Emilia wollte schnell weg; panisch schaute sie sich um.
Noah schien ihre Angst zu erkennen. Er versperrte ihr mit seinem breiten Rücken die Sicht, damit sie das stöhnende Elend hinter ihm nicht sehen konnte.
»Bitte, Emmi, du missverstehst die Situation«, sagte er auf einmal weicher.
»Was soll ich hier nicht verstehen? Du hast den Mann verprügelt«, herrschte sie ihn an, bemüht um eine feste Stimme.
Es war ihr gelungen, denn Noah zuckte zusammen, und ein Schrecken jagte über sein Gesicht. »Emmi, bitte hör mir zu!«
»Nenn mich nicht Emmi!« Ihre Stimme klang wie das Fauchen einer Katze. Sie schielte zum Türrahmen. Genügend Platz, um an Aron und dem verletzten Kerl vorbeizukommen, schätzte Emilia.
Doch bevor sie aus dem Zimmer flüchten konnte, packte Noah ihren Arm.
»Aron«, sagte er mit Blick hinter sich. »Bring das Schwein über den Fluchtweg raus, verpass ihm einen Tritt mit Gruß von mir und dann mach Feierabend. Ich muss mit Emilia reden. Und ich sorge auch dafür, dass sie unbeschadet nach Hause kommt.« Er sagte die Worte im ruhigen Ton, umklammerte aber weiterhin ihren Arm. Der Griff schmerzte, Emilia wimmerte, aber das schien ihm gleichgültig zu sein.
»Alles klar, Noah«, erwiderte Aron und zog den blutenden Kerl aus Emilias Sichtfeld. Sie hörte schlurfende Schritte, die sich entfernten. Die Metalltür quietschte, knallte zu. Emilia zuckte zusammen. Dann war es unheimlich still.
Unsicher sah sie zu dem Mann auf, der ihr so viel bedeutete. In ihren Augen war er vor wenigen Minuten noch schön und stark. Doch nun fragte sie sich, wer sich hinter dieser attraktiven Hülle verbarg.

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Kapitel 5 - Noah

[…]
In Noahs Kopf arbeiteten die Gedanken. Er hätte sich Lees Dealer gern noch einmal vorgenommen. Aber nicht vor Emilia. Ihr Blick war voller Angst gewesen, während sie den blutenden Kerl sehen musste, den er und Aron angeschleppt hatten. Noah stand dadurch vor der Wahl, den Mistkerl rauszuschmeißen oder von Emilia zukünftig verabscheut zu werden. Es gab für ihn nur eine Option. Sie war ihm wichtiger. Er musste ihr unbedingt die Situation erklären, damit sie ihm vertrauen konnte, ihn nicht für einen Typen hielt, der sich aus Spaß prügelte – aus dem Alter war er schon eine Weile raus. Doch zugegeben, früher hatte er gern andere provoziert, war einer Schlägerei selten abgeneigt gewesen.
»Können wir reden?«, frage Noah Emilia, ohne ihren Arm loszulassen. Er hört ihren Atem, der stoßweise ging. Scheiße, sie ist noch immer panisch.
Die Kleine hatte sich unerlaubt in seinen privaten Bereich geschlichen, obwohl alle Mitarbeiter wussten, dass sie hier nichts zu suchen hatten. Es gab Angelegenheiten, um die er sich kümmern musste und von denen niemand, außer seine engsten Vertrauten, etwas erfahren sollten. Stress und Ärger musste Noah vor den Gästen und Mitarbeitern fernhalten, damit der Clubbetrieb reibungslos lief.
Verdammt noch mal, wieso war sie in meine Privatsphäre eingedrungen?, fragte er sich.
Noah heftete die Augen auf Emilias Gesicht, aber sie schaute an ihm vorbei.
»Emilia, bitte, sieh mich an«, sagte er sanft, fasste mit der freien Hand unter ihr Kinn und hob es an.
Sie gab ihren Widerstand auf und blickte zu ihm hoch.
Herrgott, das Mädchen hat so unglaublich schöne Augen, gestand Noah sich ein. In den Tiefen dieses Brauns könnte er sich verlieren. Emilia hatte Gefühle in ihm geweckt, die er schon längst vergessen glaubte. Es war eine Form von Zuneigung, die Noah nicht für möglich gehalten hätte. Deshalb mied er ihre Nähe.
Schweigen erfüllte den Raum, während sie sich gegenüberstanden.
»Also, was ist, reden wir?«, wiederholte Noah seine Frage. Geduldig wartete er auf ihre Antwort.
Schließlich nickte Emilia. »Okay, ich laufe nicht weg.«
»Gut.« Er atmete erleichtert auf und führte Emilia zur Couch.
Während sie nebeneinandersaßen, beobachtete Noah, wie sie nervös ihre Hände im Schoß knetete. »Ich tu dir nichts … Ich meine, ich könnte dir nie wehtun. Das weißt du hoffentlich?«
Sie nickte wieder. »Ja, das weiß ich.«
Noah hob seinen Arm, strich Emilia mit dem Daumen über die Wange. »Ich wollte nicht, dass du in diese hässliche Sache hineingezogen wirst. Lass es mich dir bitte erklären.«
»Noah, es war allein meine Schuld. Es tut mir leid, dass ich deine Anordnung missachtet habe. Hätte ich geahnt, dass du … Ich wäre auf keinen Fall hergekommen.« Ihre Stimme klang belegt; vermutlich fand sie ihn noch immer furchteinflößend.
»Das stimmt, es wäre besser gewesen, du hättest das mit dem Mistkerl nicht gesehen.«
Noah nahm seine Hand von Emilias Gesicht und fuhr sich durchs Haar. Er betrachtete die aufgeplatzte Haut über seinen Knöcheln. Die Wunden brannten leicht.
»Warum warst du hier? Was wolltest du von mir?«
Emilia presste kurz die Lippen zusammen und errötete. »Kannst du mir nicht erst erzählen, wer der Mann war, den du verprügelt hast?«, sagte sie, statt ihm zu antworten. Seine Frage schien sie verlegen zu machen.
Noah rieb sich das Kinn und runzelte die Stirn. »Ein Dealer, den ich seit letzter Woche im Visier hatte. Er vertickte seine Drogen im Club. Er bekam die längst fällige Abreibung, damit er hier nicht mehr auftaucht. Wir wollten ihn uns noch einmal vorknöpfen, aber dann warst du da, deshalb habe ich Aron mit ihm fortgeschickt.«
»Du hättest die Polizei rufen sollen.«
Noah schnaubte. »Die Bullen? Sorry, Emilia, scheiß Idee. Solche Sachen regle ich auf meine Art und setze lieber auf Effizienz und meide ständigen Ärger. Ich hoffe, du kannst meine Ansicht tolerieren.«
»Ja, ich denke schon. Du wirst gute Gründe haben. Aber …« Kurz stockte sie. »Ich meine, wenn Gäste mitbekommen, dass du hier Leute verprügelst, dann …«
»Ist das nur mein Problem«, schnitt er ihr das Wort ab.
»Okay, geht mich ja auch nichts an.« Emilia knabberte auf der Unterlippe.
Noah sah ihr an, dass die Situation sie überforderte. Er betrachtete ihr Gesicht. Sie wirkte noch immer verunsichert. Als sich ihre Blicke trafen, wandte Emilia sich hastig ab.
Noah lächelte, gab ihr noch etwas Zeit.
»Emilia, jetzt bist du dran, mir zu antworten. Nun sag schon, warum du hier bist?«
»Weil … Noah, ich … Es war verletzend, wie du in der Küche zu mir warst. Darüber wollte ich mit dir reden.«
»Wegen dem, was ich zu dir gesagt habe?« Noah ahnte, worauf sie anspielte. »Tut mir leid, ich war nicht besonders nett. Aber du sahst heute so anders aus. Hast du dich meinetwegen so hübsch gemacht?« Er zwinkerte schmunzelnd. »Ich hoffe nicht.« Es sollte ein Witz sein, den Emilia offensichtlich nicht verstand.
Entsetzt starrte sie Noah an und sprang abrupt auf. Tränen brannten in ihren Augen. Schnell wandte sie sich ab.
»Verdammt, Emilia, bleib gefälligst hier!«
Noahs Hand schnellte vor. Er griff nach ihrem Handgelenk und zerrte Emilia auf die Couch zurück. Sie sank neben ihm nieder, und nun konnte er sich nicht mehr zurückhalten.
Die letzten Tage schon hatte er mit sich gerungen. Doch das Verlangen nach ihr war nun größer geworden als sein Verstand. Und wie Emilia reagiert hatte … Die Tränen in ihren Augen … Er fragte sich, ob sie ähnlich empfand.
Noah beugte sich zu ihr, betrachtete ihre Lippen, die voll und rosa waren. Ohne nachzudenken, presste er seinen Mund auf ihren, womit sie nicht gerechnet hatte. Ein überraschter Laut drang aus ihrer Kehle und sie blinzelte. Er legte seine Hand in ihren Nacken, damit sie sich nicht von ihm lösen konnte. Er wollte diesen süßen Moment auskosten, presste den Mund noch fester auf ihren, öffnete ihn und seine Zunge stahl sich zwischen ihre Lippen. Er stöhnte. Der Geschmack war wunderbar, nach Orange und einer Spur Campari.
Zuerst hielt Emilia sich zurück, doch dann spürte er ihre warme Zunge, die nun seinen Mund erkundete.
Noahs Hände umschlossen Emilias Gesicht, seine Daumen liebkosten ihre erhitzten Wangen. Dann wanderten seine Hände zu ihren Hüften und er zog sie auf seinen Schoß, während er sich mit dem Rücken nach hinten lehnte. Noah musste sich eingestehen, sie rittlings auf sich sitzen zu haben, war ein irres Gefühl.
Emilia rutschte unsicher hin und her, aber Noahs Finger bohrten sich in ihr Fleisch und drückten ihre Hüften auf seine Schenkel.
Ihr Atem beschleunigte sich und sie gab ein Wimmern von sich, als Noahs Hände nach oben strichen, ihre Brüste massierten. Langsam schien Emilia seine Nähe zu genießen, die Anziehungskraft ihrer Körper ebenso zu spüren.
Sie wurde mutiger, ließ ihre Fingerspitzen tiefer gleiten, bis sie seinen anschwellenden Schritt erreichten. Noahs Kuss wurde feuchter, während sie mit der Hand seine Erektion unter der Jeans umfasste, am Schaft auf und ab rieb. Keuchend zuckte er zusammen und riss erregt die Augen auf. Für einen Augenblick musste Noah den Kuss unterbrechen, als er zischend die Luft einzog.
»Fuck … Deine Hand an meinem Schwanz … Das ist so … heiß«, knurrte er stockend, bevor er seine Zunge wieder zwischen ihre Lippen schob.
Zitternd zog Noah den Gummi aus Emilias Haaren, vergrub seine Hände in der dunklen Fülle, die nach Mandelblüte duftete. Und sie stöhnten beide, überwältigt vom Sturm, der in ihren Körpern tobte. Emilias Kuss wurde gieriger, ihre Zunge drängender. Und während sie mit einer Hand weiter Noahs Härte rieb, schlüpfte die andere unter sein T-Shirt. Emilias Finger streichelten seinen Bauch, fuhren mit den Nägeln über seine Brust. Mit ihrer Zunge zog sie eine feuchte Spur bis zu Noahs Ohr. »Zieh das T-Shirt aus«, raunte sie, »damit ich deine Tattoos küssen kann.«
In dem Moment setzte Noahs Hirn wieder ein.
Gott, was tu ich da?
Noah hatte Emilias Berührungen genossen, aber sein Gewissen konnte er nun nicht mehr ausschalten. Sanft schob er sie von sich.
»Emilia, wir müssen das hier abbrechen.«
»Nicht nachdenken«, widersprach sie, versuchte ihre Lippen wieder auf seinen Mund zu pressen, aber er drehte den Kopf beiseite.
»Bitte, Noah, mach weiter. Du willst das doch auch.«
»Emilia, nein!«
Er packte ihre Hände, die sich am Reißverschluss seiner Hose zu schaffen machten, und stoppte sie. Noah atmete schnell, hektisch hob und senkte sich seine Brust, als er Emilia tief in die Augen blickte. »Wenn ich das ausnutze und nicht aufhalte, wirst du mich hinterher hassen. Ich kann dir nicht geben, was du brauchst. Und für einen schnellen Fick bist du zu schade.«
»Doch, Noah. Ich will es. Du denkst einfach zu viel.«
Statt von ihm abzulassen, drückte sie ihren Mund auf seinen Hals und saugte an der Haut. Ihre Zähne streiften über sein Kinn.
»Emilia, nicht«, stöhnte Noah, die Sehnsucht nach ihr war groß, doch er musste sich unbedingt zusammenreißen.
»Mann, Emilia, hör endlich auf damit! Wir müssen das abbrechen.« Er forderte es schärfer als beabsichtigt.
Emilia stockte. Schlagartig verschwand das Verlangen aus ihrem Blick.
»Du bist so was von fies!«
»Mädchen, bitte versteh doch, das mit uns führt zu nichts. Entschuldige, dass ich die Kontrolle über mich verloren habe. Das … Das hätte ich mit dir nicht tun dürfen!«
»Du sagst es!«
Hastig sprang Emilia von seinem Schoß. Mit gehetztem Blick raufte sie sich die Haare. »Wäre ich doch bloß nicht hierher gekommen. Wie konnte ich nur so dumm sein?«
Der Ton in ihrer Stimme rührte Noahs Herz. Er klang entsetzt und gleichzeitig schmerzvoll. Das war alles falsch gelaufen. Seit dem Abend im Café spukte Emilia täglich in seinem Kopf und er sehnte sich nach ihren Berührungen. Doch nun herrschte zwischen ihnen das reinste Gefühlschaos.
Noah stand auf, wollte Emilia in seine Arme nehmen, um sie zu beruhigen, aber sie stieß ihn von sich. Abwehrend hob sie die Hände, ihre Augen flackerten.
Noah konnte nicht erkennen, ob aus Kränkung, Scham, Wut oder alles zusammen. »Emilia …«, flehte er.
»Bleib mir vom Leib!«, zischte sie und wandte sich ab. Blind stolperte Emilia gegen den Tisch. Der Rotwein wackelte, die Gläser stießen klirrend gegeneinander. Sie konnte sich noch abfangen, um nicht zu stürzen.
An der Tür blieb sie stehen. Mit enttäuschter Miene sah sie ihn an. »Ich schlage vor, wir vergessen dieses … Was auch immer das eben zwischen uns war.« Hektisch wedelte Emilia mit der Hand in der Luft, als ob sie das Erlebte auf diese Weise vertreiben könnte. »Und wir sollten uns tatsächlich lieber ignorieren – Chef und Spülkraft –, mehr bin ich anscheinend für dich nicht.«
Noah spürte, wie Schuldgefühle sich in seiner Brust breitmachten. In nur einer Nacht hatte er das, was sich zwischen ihnen entwickelt hatte, mit wenigen Worten zerstört. Das Wissen schmerzte ihn.
Er kniff sich in die Nasenwurzel. »Du bist für mich etwas Besonderes, um das klarzustellen. Aber du hast recht«, seufzte er, fuhr dann fort, »machen wir aus der Sache kein großes Drama.«
Mit einem traurigen Lächeln schüttelte Noah den Kopf. Das war alles so surreal. Was hab ich mir nur dabei gedacht, sie so von mir zu stoßen?, warf er sich vor.
Hilflos musste Noah mit ansehen, wie Emilia die Tränen über das Gesicht liefen. Das alles hatte sie emotional überfordert, und er hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte.
»Emilia, ich … Ich werde dich nach Hause bringen.«
»Du?« Sie lachte hart auf. »Vergiss es! Halt dich in Zukunft von mir fern.«
»Emilia«, sagte Noah leise. »Du solltest nicht allein gehen. Lass mich dir wenigstens ein Taxi rufen. Ich zahle es.«
Sie winkte ab, sah kurz auf ihre Uhr. »Nein, Noah, du wirst nichts dergleichen tun. Es ist schon sechs und in zehn Minuten kommt mein Bus, also lass deine Bemühungen. Ich kann jetzt alles ertragen, aber nicht dein Geld und noch weniger dich.«
Einen Augenblick verharrte sie, warf ihm einen gequälten Blick zu, bevor sie sich auf den Weg machte. Noah starrte ihr mit hängenden Armen hinterher. Jetzt noch spürte er ihre Lippen auf seiner Haut, den Geschmack ihrer Zunge im Mund, ihre Finger, die seinen Schaft gerieben hatten. Und er musste sich eingestehen, dass die Erregung nicht nachlassen wollte. Sein Schwanz war noch immer hart. Was hatte dieses Mädchen nur für widersprüchliche Gefühle in ihm ausgelöst? Er musste standhaft bleiben, sich Emilia entziehen, um nicht nach ihr süchtig zu werden.

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2018
Copyright © 2018 by Jenna Stean
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Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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