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Touchdown - Wenn Liebe trifft

Über das Buch

Am 14.Juli 2019 erscheint mit "Touchdown - Wenn Liebe trifft" wieder ein humorvoller Roman von Jenna Stean, mit dem sie sich in den Bereich des Collegesports nach Übersee begibt.

Mit "Touchdown – Wenn Liebe trifft" werden Sie einen gefühlvollen Abstecher in die Welt des Footballs erleben. Auf dieser Seite geben wir Ihnen erste Einblicke in die Handlung und hoffen somit, Sie für den Roman begeistern zu können. Zum Spannungsaufbau bieten wir Ihnen hier bereits den Klappentext, den ersten Coverentwurf, Informationen zu den Hauptfiguren sowie diverse Leseproben an.

Daten zu "Touchdown - Wenn Liebe trifft"

Erscheint: 14.Juli 2019 bei Amazon
Seitenzahl: ? (eBook), ? (Druck)
Preis: 0,99 € eBook (Einführungspreis), ? (Druck)
ISBN: ?

Klappentext

Die schüchterne Ashley braucht dringend einen Job, denn ihre Eltern halten sie finanziell an der kurzen Leine. Selbständig soll sie werden, predigt ihr Vater. Dass gerade Lucas Hanson, der beliebte und sexy Quarterback des Michigan Football Teams, ihr aus der Klemme helfen will, verwirrt sie. Er bietet ihr einen Deal an. Sie übernimmt für ihn eine Seminaraufgabe, damit er zusätzlich trainieren kann. Im Gegenzug besorgt er ihr einen Job. Doch während sie im Stadion arbeitet, kommt es zu einem Vorfall, der nicht nur Ashley, sondern auch ihr Verhältnis zu Lucas, schlagartig verändert.

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Das vorläufige Cover zum Buch

eBook

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Ashley und Lucas - Steckbriefe zu den Hauptfiguren

Ashley White, 19 Jahre

Familie: Ashleys Familie lebt in einer Kleinstadt. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Zahnarzt, der sich sozial engagiert. Er behandelt mittellose Patienten kostenfrei. Ashley hat keine Geschwister, sodass sich die Mutter, eine tiefgläubige Christin, sich auf sie fixiert hat. Vor allem der Erhalt Ashleys Jungfräulichkeit bis zur Ehe ist wichtig.

Freunde: Chloe und Matthew

Beziehungen: keine, sie ist heimlich in Lucas verliebt

Charakter: Schüchtern, zuverlässig, loyal. Ihre Gedanken sind das Gegenteil von ihrem Verhalten. Ashley wünscht sich, sie würde den Mut haben, das zu sagen, was sie denkt.

Äußeres: klein, kräftig, Sommersprossen, braune Augen, rotes langes Haar

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Lucas Hanson, 21 Jahre

Familie: Ohne Geschwister ist er bei den Großeltern aufgewachsen. Um die Mutter macht er ein Geheimnis.

Freunde: Dylan und Ray sind für ihn seine Bros, er ist auch mit Raoul befreundet.

Beziehungen: kurze Affären, wenn es eng wird, zieht er sich zurück

Charakter: auf die sportliche Zukunft fokussiert, intelligent, als Quarterback außergewöhnlich talentiert, Teamplayer

Äußeres: groß, atletisch, braune Augen, dunkelbraunes kurzes Haar

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Kapitel 1 - Ashley

Gleich war es soweit. Noch fünf Typen standen vor uns an, danach würden wir an der Reihe sein, um endlich den Eingang von Gate A des Stadions passieren zu können.
Himmel, freute ich mich auf das Spiel.
Schon zweieinhalb Stunden vor Einlassbeginn hatten Chloe und ich das Studentenwohnheim verlassen, weshalb wir hier nicht lange warten mussten. Hinter uns hatte sich mittlerweile eine riesige Schlange gebildet.
Früher hatte ich mich nie für Football interessiert, tat ich auch heute nicht. Doch seit vergangenem Jahr, das ich nun an der Michigan studierte, besuchte ich jedes Saisonspiel unseres Collegeteams. Der Samstag war der Höhepunkt meiner Woche, denn dann konnte ich während des Spiels gebannt meinen Blick auf den Einen heften, der mein Herz Purzelbäume schlagen ließ, ohne dass es ein Außenstehender mitbekam. Hier starrten ihn alle seine Fans an, was mich einerseits eifersüchtig machte, aber mich andererseits mit seinen Anhängern eine innere Verbundenheit spüren ließ.
Wobei ich ihn aus einem anderen Grund beobachtete, als die meisten Leute hier. Für sie war er der beste Quarterback an der Michigan State University, für mich der Mann meiner Träume: Lucas Hanson.
Noch nie in meinen neunzehn Lebensjahren hatte ich derart tiefe Gefühle für einen Mann empfunden wie für ihn, obwohl ich Lucas nicht wirklich kannte. Dass ich in ihn verliebt war, ließ ich mir nicht anmerken. Nur Chloe, meine beste Freundin und Mitbewohnerin, wusste über den hoffnungslosen Umstand Bescheid. Hoffnungslos, weil Lucas nie das Gleiche für mich empfinden würde. Selbst dann nicht, wenn er mich bewusst wahrnehmen würde. Davon ging ich aus, denn ich konnte meine Chancen gut einschätzen. Ich war Durchschnitt. Und wenn Lucas eine Freundin hatte, war sie wie er außergewöhnlich hübsch. »Ash«, hörte ich Chloe plötzlich sagen. »Wir sind dran.« Erschrocken blinzelte ich, zog meinen Rucksack vor die Brust und kramte im Inneren, um die Tickets herauszuholen.
»Sorry.« Lächelnd reichte ich die Karten einem der vier breitschultrigen Securitymänner, die hier den Einlass regelten. Das war eindeutig mal wieder typisch für mich.
Ständig kreisten meine Gedanken um Lucas, sodass ich nicht bemerkt hatte, dass die Typen vor uns die Einlasskontrolle hinter sich gelassen hatten und schon auf dem Weg ins Stadioninnere waren.
Während ich auf der Toilette war, besorgte uns Chloe zwei Cola light. Sie bestand darauf, dass wir kein Zuckerwasser tranken. Meine Freundin lebte sehr kalorienbewusst.
Schließlich schoben wir uns durch das Gedränge und suchten unsere Plätze Nummer 18 und 19 in Reihe 42. Von dort konnte man ganz gut das gesamte Spielfeld überblicken, obwohl von hier aus die einhundert Yards Kunstrasen viel kleiner erschienen.
Chloe reichte mir einen Becher und setzte sich auf ihren Platz. Nachdem auch ich mich auf meinen Plastiksitz niedergelassen hatte, wandte sie mir ihr Gesicht zu und stieß hörbar die Luft aus.
Einen Moment hielt sie inne, und ich ahnte, was jetzt kam. »Ehrlich, Ash, dass ich mit dir zu jedem dieser bescheuerten Spiele gehe … Dabei verstehe ich keine einzige Regel.«
Stöhnend deutete sie mit dem Kinn Richtung Spielfeld. »Und aus der Entfernung kannst du Lucas nicht einmal erkennen.«
Seufzend steckte sie den Strohhalm in den Mund und trank von ihrer Cola.
Volltreffer. Ich grinste über ihren Spruch, denn den bekam ich vor jedem Spiel zu hören.
Schulterzuckend schaute ich zu Chloe. Selbstverständlich war ich nicht ihrer Meinung und antwortete deshalb mit leicht protestierendem Unterton: »Natürlich erkenne ich Lucas.«
Zur Bestätigung meiner Behauptung hob ich die Hand und zeigte auf einen der überdimensionalen Bildschirme. »Wenn er als Großaufnahme erscheint.«
»Ja, klar«, sagte Chloe abwinkend und lachte. »Mit dem Helm auf dem Kopf und der schwarzen Farbe unter den Augen. Mach dir doch nichts vor, Ash. Wie willst du ihn von den anderen unterscheiden können?«
»Lass das ruhig meine Sorge sein«, gab ich zurück. Für Chloe sahen alle Typen auf dem Spielfeld gleich aus, aber nicht für mich. Ich könnte Lucas unter Hunderten Spielern erkennen. Die Offensive und Defensive Linemen sahen für mich wie monströse Fleischklopse aus. Solche extrem schweren Kerle mochte ich nicht. Lucas dagegen war groß und muskulös, wirkte sehr athletisch. Okay, seine Kumpel Dylan und Ray waren ebenfalls groß und gut gebaut. Die drei wussten, dass die meisten weiblichen Fans unserer Universität nur zu den Spielen kamen, um sie anzufeuern. So wie ich. Die Regeln kapierte ich genauso wenig wie Chloe. Aber in der geschützten Menge genoss ich es, meinen Schwarm ungestört zu beobachten.
Lucas und ich studierten beide im Hauptfach Philosophie, wobei er schon drei Semester weiter war. Er war auch zwei Jahre älter als ich. Einige Veranstaltungen besuchten wir gemeinsam, doch wenn wir in einem Raum zusammensaßen, mied ich es, ihm einen Blick zuzuwerfen. Ich hatte Angst, dass er es bemerken könnte und mich für eine Stalkerin halten würde. Na ja, wenn ich ehrlich war, traf das in etwa zu. Wo er war, war ich meist nicht weit entfernt. Natürlich versteckt. Er sollte es keinesfalls mitbekommen. Das wäre zu peinlich.
»Wann geht’s denn endlich los?«, wollte Chloe wissen.
Ich schaute auf die Uhr. »In einer Stunde.«
»O Mann, noch 60 Minuten«, stöhnte sie mit den Augen rollend.
Ich lächelte entschuldigend. »Du weißt doch selbst, was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig hier sind.«
»Und ob! Die beiden Blödmänner, die sich unerlaubt auf unseren Plätzen breitgemacht hatten. Die werde ich nicht so schnell vergessen.«
Die Nase kräuselnd nickte ich zustimmend. Weil wir vor zwei Wochen zu spät im Stadion eingetroffen waren, mussten wir uns in die letzte Reihe des Oberdecks verdrücken. Das Sichtfeld war so mies, dass wir auf das Spiel verzichtet hatten und stattdessen gegangen waren. Ich hatte Chloes Drängen nachgegeben, um ihre Gutmütigkeit nicht übermäßig zu strapazieren. Sie war eine wunderbare Freundin, begleitete mich zu allen Saisonspielen unseres Collegeteams, obwohl sie sich nichts aus Football machte. Aber sie wusste, dass ich wegen Lucas kein Spiel verpassen wollte.
Klar hielt sie meine Schwärmerei für verschwendete Zeit. Trotzdem akzeptierte sie es und machte sich nicht über mich lustig.
»Ich hätte noch den Rest von Riverdale schauen können«, sagte Chloe. »Stattdessen sitze ich hier und warte, dass das Spiel endlich losgeht. Heute haben wir es mit dem Früherkommen reichlich übertrieben.«
»Ja, schon«, antwortete ich achselzuckend. »Aber wenn ich dich deine Serie auf Netflix länger gucken lasse, bekomme ich dich nicht pünktlich aus unserem Zimmer.«
Chloe seufzte. »Was soll’s, schau ich heute Abend zu Ende.« Ich zwinkerte. »Braves Mädchen.«
»Jaja, mach ruhig deine Witze, Ash.« Grinsend angelte Chloe mit der Zunge nach ihrem Strohhalm und nippte an der Cola. Sie wusste, dass ich ihr dankbar war.
Gelangweilt schweiften unsere Augen über die Zuschauer. Von den Ständen wehte verführerisch würziger Duft herüber, dass mir wie auf Kommando die Spucke im Mund zusammenlief.
Eigentlich wäre noch genügend Zeit, sich Pommes, Burger oder Hot Dogs zu kaufen. Ich schluckte die Spucke herunter und tippte Chloe auf die Schulter.
Als sie mich verwundert ansah, zeigte ich in Richtung der Stände. »Soll ich uns eine Kleinigkeit zu essen holen?« Chloes Blick, mit dem sie mich taxierte, sprach Bände. Schon bereute ich meine Frage.
»Darauf sollten wir verzichten«, sagte sie mit mahnender Stimme.
Wir? Sie meinte wohl eher mich. Ich sollte verzichten. Unrecht hatte sie nicht. Erst vor einer Woche hatte ich herausposaunt, dass ich den Entschluss gefasst hätte, mal wieder ein paar Pfunde abzunehmen. Na gut, nicht ich hatte mich diesmal dazu entschlossen, sondern meine drei Jeans hatten dazu geraten. Neben dem Nietenknopf hatte ich schon bei jeder Hose einen zweiten Knopf am Bund annähen müssen, weil ich sie über den Bauch nicht mehr schließen konnte. Leider fehlte mir zur Zeit das nötige Geld für neue Jeans. Ich bräuchte dringend einen Job, um das Problem ohne Quälerei meines Körpers zu lösen, indem ich mir größere Hosen kaufte. Doch so lange kein Job in Sicht war, half nur eine Diät, um aus der Misere herauszukommen. Dabei hasste ich Abnehmkuren.
Ich liebte alles Essbare, was ungesund war. Egal, ob Eis, Kuchen oder Nachos. Es war ja nicht meine Schuld, dass mein Belohnungszentrum im Hirn sich nur mit Kalorienbomben zufriedengab. Bei Gemüsesticks mit Quark wollte es einfach nicht anspringen.
Ehrenwort, ich hatte alles versucht, um die überflüssigen Kilos, die ich mit mir herumschleppte, loszuwerden. Aber es war jedes Mal ein Scheitern auf breiter Linie. Dabei wäre ich froh, so hübsch und schlank wie Chloe oder die Cheerleader-Mädels zu sein. Ich schämte mich für meinen schwachen Willen. Doch die Hoffnung, dass sich in meinem Kopf irgendwann der Schalter umlegen würde, gab ich nicht auf. Deshalb war ich jetzt vernünftig und blieb auf meinem Platz wie festgeklebt sitzen.
»Okay, wie du meinst, wir verzichten«, lenkte ich lächelnd ein, und Chloe hob den Daumen. »Jetzt bist du ein braves Mädchen.«
Als das Spiel schließlich losging, begann um uns herum das Geschrei. Es war jedes Mal das Gleiche. Es wurde gejubelt, gebrüllt, gepfiffen und geklatscht, wenn ein Touchdown gelang oder auf andere Weise Punkte geholt wurden.
Die Geräusche um mich herum nahm ich kaum wahr, weil ich stattdessen gebannt die Nummer Zwölf verfolgte.
Mich beeindruckte immer wieder, wie ballsicher und nervenstark Lucas war. Unglaublich diese Wurfkraft und Treffsicherheit. Souverän führte er als Captain seine Mannschaft.
Einmal hatte ich bei einem Gespräch zwischen ihm, Dylan und Ray mitbekommen, als wir in der Cafeteria angestanden hatten, dass der Offensive Coordinator ihm über Funk die Codes gab, wie das Team sich bewegen sollte. Und Lucas konnte wohl die Passrouten richtig übermitteln. Die Spieler schienen immer zu wissen, wie sie laufen mussten. Kein Wunder, dass die Mannschaft so oft gewann. Sie gehörte zu den besten Teams der College-Football-Liga NCAA.
Nachdem das letzte Viertel geendet hatte, riefen die Michigan-Fans: »Auf zum nächsten Sieg!«, weil unsere Mannschaft gewonnen hatte. Ich freute mich mit ihnen, aber vor allem für Lucas.
Mit der Menge begaben wir uns zum Ausgang. Ich würde allein mit dem Fahrrad zum Studentenwohnheim zurückfahren, weil Chloe mit ihrem Freund verabredet war. Beim Spiel hatte sie auf ihrem Handy Nachrichten getextet. Travis studierte wie wir an der Michigan. Jedoch war er Basketballfan, begleitete uns deshalb nicht zu den Footballspielen, sondern war lieber mit seinen Kumpels unterwegs.
Auf dem Parkplatz, wo wir unsere Fahrräder angeschlossen hatten, umarmte mich Chloe. »Du bist keinesfalls sauer, wenn ich das Wochenende nicht da bin?«, fragte sie.
»Nein, warum?« Ich zuckte mit den Achseln und zog sie auf: »Pech für dich, dann schaue ich ohne dich Riverdale.«
»Freches Biest!« Sie pikte mich in den Bauch, und ich quiekte erschrocken auf, weil ich abgelenkt war. Ich sah vier schlechtgelaunte Fans von der gegnerischen Mannschaft neben uns auf dem Parkplatz erscheinen. Zum Glück trugen wir keine Sachen, die uns als Michigananhänger outeten. Sie stiegen mit düsteren Mienen in ihr Auto und fuhren los.
»Was planst du für Sonntag?«, erkundigte sich Chloe, während sie sich suchend umschaute. Travis war noch nicht in Sichtweite.
»Weiß nicht«, sagte ich. »Es sind noch Studienaufgaben zu erledigen. Davor werde ich mich aufraffen und eine Runde auf dem Campus joggen.« Falls man das Schneckentempo so nennen kann, ergänzte ich für mich.
»Du willst an deinen Vorsätzen festhalten?«
»Yep.«
»Finde ich gut.« Chloe drückte mich noch einmal an sich und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Wenn du später weiter joggen gehst, laufe ich mit.«
Abwehrend wedelte ich mit der Hand vor der Brust, nachdem sie mich losgelassen hatte. »O nein, bloß nicht. Ich komme mir dann neben dir wie ein schnaufendes Walross vor. Wenn ich einigermaßen fit bin, dann gern.«
»Okay.« Chloe lächelte und holte ihr Handy hervor, um noch einmal Travis anzurufen. Währenddessen löste ich das Sicherheitsschloss von meinem Fahrrad.
Noch eine halbe Stunde mussten wir warten, bis er mit seinem nachtblauen Chevy auf dem Parkplatz erschien. Travis wuchtete Chloes Fahrrad auf die Ladefläche des Pick-ups und ich verabschiedete mich von den beiden. Dann schwang ich mich auf mein Rad, um gemütlich zum Wohnheim zu radeln.

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Kapitel 2 - Lucas

»Gutes Spiel, Hanson«, lobte mich Pete Moore, mein Trainingscoach, nachdem wir in die Kabine zurückgekehrt waren, die Sportklamotten ausgezogen und die Ausrüstung abgelegt hatten. Für mich war er mehr als mein Quarterback-Coach. Uns verband ein fast freundschaftliches Verhältnis. Moore schlug mir auf die nackte Schulter und ergänzte anerkennend: »Du hast richtig entschieden, den Spielzug zu ändern.«
Ich bemühte mich, nach dem Schlag nicht das Gesicht zu verziehen. Jeder Muskel schmerzte. Und ich wusste, Schmerz würde die nächsten Jahre mein treuster Freund sein. Damit hatte ich mich längst arrangiert. Ich liebte Football.
»Alle haben heute Spitzenleistung gezeigt, Coach«, warf ich ein und hob meinen Teamkollegen zugewandt beide Daumen.
Daraufhin lächelten sie mir zu, während sie sich für das Eisbad und die spätere Dusche fertigmachten. Es war mir wichtig, das Wir-Gefühl zu erhalten. Jeder sollte wissen, dass er für unser Team unersetzlich war. Aus meiner Sicht funktionierte nur so Mannschaftssport.
»Da stimme ich dir zu«, erwiderte der Coach. »Aber ich muss deinen letzten Pass besonders hervorheben«, meinte er und ließ seine Augen über die Spieler wandern. Alle nickten zustimmend, und ich merkte, dass meine Wangen zu glühen anfingen. »Danke, Coach«, murmelte ich. Komplimente zu hören, machte mich immer noch verlegen. Selten bekam ich ein Lob.
Ron Nolan, unser Offensive Coordinator, hatte mir seinen Spielzug per Funk mitgeteilt, den ich abgelehnt hatte.
Nolan war kein Freund von Alleingängen, aber am Ende des Spiels sagte er mir, dass meine Entscheidung richtig gewesen war.
Ich erinnerte mich an die letzten Minuten auf dem Spielfeld. Wir hatten vier Punkte zurückgelegen.
Nachdem wir uns positioniert hatten, bekam ich Nolans Playcall ausgewiesen, den ich sofort ändern musste, weil ich die neue Strategie der gegnerischen Defence lesen konnte. Sie hatten einen Blitz geplant. Ein zusätzlicher Spieler ihrer Verteidigung sollte meinen angeordneten Pass verhindern, also hatte ich mich für einen anderen Spielzug entschieden und gerufen: »Black 17 kill. Red 9 ace. Hut!«.
Sofort hatte unser Angriff begonnen. Durch die Beine war mir vom Center der Ball übergeben worden. Jay hatte sich an der Außenlinie aufgehalten und war im Moment des Snaps zur Feldmitte gerannt. Ich war fünf Schritte zurückgelaufen und hatte zu Jay gepasst. Der hatte den Ball in der Luft gefangen und sicher gehalten. Dann hatte er ihn an Dylan weitergegeben, der die im Training einstudierten Passroute bis zur Endzone gelaufen war. Mit einem kräftigen Satz war er über die Goalline gehechtet. Was für ein Touchdown! Die sechs Punkte hatten uns den Sieg garantiert.
Es war ein Risiko gewesen, das ich eingegangen war. Aber ich hatte gewusst, dass ich mich auf Jay und Dylan verlassen konnte. Generell war Vertrauen wichtig, weil ich als Quarterback der Spielmacher und gleichzeitig das Sprachrohr des Offensive Coordinators war.
Mit Coach Moore wiederum übte ich die verschiedensten Spielvarianten. Er war ein harter Knochen und sorgte dafür, dass den Quarterbacks im Training die Eier kochten. Kondition und Beweglichkeit waren wichtig. Gerade mich schickte er zusätzlich zum Krafttraining, damit ich an meiner Athletik härter arbeitete. Widerspruch war tabu.
Für Sonntag hatte er mir wieder ein Sondertraining vorgegeben. Während sich die anderen von dem heutigen Spiel erholen würden, würde ich früh aufstehen und ein paar Runden auf dem Campus drehen. Danach war ich mit dem Fitnesscoach verabredet. Bis jetzt war ich selten verletzt und das sollte so bleiben. Meine Muskeln, Knochen und Sehnen wurden übermäßig beansprucht. Ich brauchte einen geschmeidigen Körper. Auf dem Spielfeld lief ich schnell und schlug dabei Haken, wurde vom Gegner getackelt und touchiert. Daher hatte Moore mit dem Fitnesstrainer für mich ein spezielles Programm ausgearbeitet. Kraft, Kondition und Geschmeidigkeit sollten bei mir ganzheitlich trainiert werden.
Mit Professor Williams war abgeklärt worden, dass ich bis Mitte Dezember dafür montags zusätzlich trainieren durfte, weil für den Kurs eine selbständige und langfristige Partnerarbeit anstand. Ich würde mit der pummligen Rothaarigen ein Team bilden. Ashley White. Sie wusste noch nichts von ihrem Glück. Aber Professor Williams meinte, dass sie Aufgaben lieber allein bewältigte und ich mich daher auf mein Footballtraining konzentrieren könnte. Trotzdem würde ich mit einer guten Note abschließen. Der Professor war ein eingefleischter Footballfan und zeigte deshalb viel Verständnis dafür, dass ich mich vorrangig auf meine Karriere konzentrierte. Ich war dankbar für das Angebot, denn es bedeutete einen riesigen Zeitvorteil für mich. Auch Ashley würde zufrieden sein, dass sie ihre Ruhe hätte. Es wäre eine Win-win-Situation für uns beide, fand ich zumindest.
Ein zufriedener Seufzer drängte aus meiner Brust. Lächelnd schaute ich zu Jay. Moore sprach gerade anerkennende Worte zu ihm, weil er meinen gepassten Ball gefangen hatte. Dann ging der Coach auf Dylan zu und klopfte ihm ebenfalls anerkennend auf den Rücken. »Gratulation, Jenkins. Guter Lauf!«
»Danke, Coach Moore.« Dylan und Jay blickten grinsend zu mir. Ich zwinkerte ihnen zu. Sie waren meine Teamkollegen und beste Kumpels. Jay war unser Wide Receiver, der nicht nur unglaublich schnell war, sondern fast jeden meiner Pässe fing, egal, wie weit ich den Ball warf. Dylan bekleidete die Position des Running Backs. Ich war immer wieder beeindruckt, wie geschickt er sich auf dem Feld bewegte und durch die Verteidigungsreihe der Gegner lief, um den Ball so weit wie möglich Richtung Endzone zu tragen. Die NCAA war zwar kein so hartes Business wie die NFL, aber auch hier herrschte Konkurrenzdenken. Jeder wollte Profisportler werden. Trotz dessen stimmte in unserem Team die Chemie, weshalb wir auch erfolgreich waren. Und ich war froh, mit Dylan und Ray eng befreundet zu sein. Ich hatte keine Geschwister und sie waren für mich meine Bros.
»Okay, Jungs. Schönen Abend! Übertreibt es nicht mit dem Feiern, ihr habt Montag Training!«
Der Coach hob zum Abschied die Hand und verließ die Kabine. Wir riefen ihm noch einen Gruß hinterher, bevor die Tür zufiel. Wenn ein wichtiger Sieg wie nach diesem Spiel war – wir führten jetzt die Tabelle an –, begleitete er uns auf ein Bier in Sam’s Diner, doch heute feierte er mit seiner Frau fünfzehnten Hochzeitstag. Als er mir nach dem Freitagstraining erzählt hatte, dass sie mit ihm ins Theater und hinterher in einem edlen französischen Restaurant essen gehen wollte, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Ich wusste, dass Moore die nächsten Stunden leiden würde. Kultur und Haute Cuisine waren ihm ein Graus. Mein Kopf tickte ähnlich. Ich liebte alle Arten von Sportveranstaltungen und aß gern ein saftiges Steak, aber mit feiner Küche und Kunst hatte ich nichts am Hut.
Zwei Gründe, warum meine letzten Beziehungen gescheitert waren. Der Hauptgrund jedoch war jedes Mal, dass meine Exfreundinnen kein Verständnis für meine knappe Zeit hatten. Oft gab es nervende Streits. Nach den Auseinandersetzungen hatte ich nie lange gefackelt, sondern zog die Reißleine und trennte mich.
Angesichts dieser Erfahrungen wollte ich mich auch in den nächsten Jahren auf keine feste Beziehung mehr einlassen. Die Frau, die zu mir passen würde, müsste wahrscheinlich noch gebacken werden. Ich bräuchte eine Frau, die nicht klammerte, die für verrückte Sachen zu haben wäre, der ich alles anvertrauen könnte. Die schlau war und mit der ich den geilsten Sex hätte. Aber da mein Hauptaugenmerk sowieso auf Football lag, suchte ich nicht nach der Einen. Ich wollte es unbedingt in die NFL schaffen. Danach hatte ich mein Leben ausgerichtet. Denn ich trug Verantwortung … Nicht nur für mich. Deshalb musste sich alles andere hinten anstellen.
»Hey, Luc, nimmst du nachher Kaylee mit?«
»Kaylee? Wie kommst du darauf?«
Dylan hob die Schultern. »Nur so, weil sie auf dich scharf ist und gestern bei dir war.« Er machte eine anzügliche Bewegung mit der Zunge im Mund. »Ihr ward nicht zu überhören.«
Ich leerte eine halbvolle Flasche Mineralwasser, wühlte in meiner Sporttasche nach Handtuch und Duschgel.
»Nein, keine Lust auf Frauenbesuch«, sagte ich beim Abstreifen meiner schweißnassen Boxershorts und stopfe sie mit Trikot, Strümpfe und Hose in die Sporttasche. Dylans Sportsachen packte ich mit dazu. Wir teilten uns ein Apartment und ich war mit der Wäsche dran.
»Dann wundere dich nachher nicht. Ich sah sie in der Nähe der Kabine herumlungern. Du warst schon reingegangen.«
»Pech für Kaylee. Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Zeit für sie habe.«
Dylan grinste. Wie immer ohne Hemmungen. »Wenn du nichts dagegen hast, tröste ich sie.«
Warum überraschte mich sein Vorschlag nicht? Dylan und ich hatten einen ähnlichen Frauengeschmack. Wir standen auf Cheerleader, blond, leicht gebräunt, mit einer hübschen Figur. Auch reichlich Erfahrung im Bett.
Vor Kurzem hatte ich was mit einer Jungfrau gehabt. Das war schon erstaunlich, weil sie volljährig war. Trotzdem konnte ich dazu nur sagen: nie wieder! Ich kam mir wie im Biologieunterricht vor, was am Ende dazu geführt hatte … Holy Shit, daran wollte ich nicht mehr denken. Da die Frau nicht von der Michigan war, würde es unser Geheimnis bleiben, hoffte ich.
»Wenn es dich nicht stört, dass ich Kaylee vor dir hatte, tu dir keinen Zwang an«, bemerkte ich kopfschüttelnd. Gab es bei Dylan etwas Ähnliches wie eine Schamgrenze?
»Ich will sie nur einmal flachlegen«, haute er locker raus, schlang sein Handtuch um die Hüften und schlendert mit Duschgel und Shampoo in der Hand zu den Duschräumen, wo auch die Tonnen mit dem Eiswasser standen. Schmunzelnd ging ich ihm hinterher. »Kann ich nachher dein Shampoo mitbenutzen?«, scherzte ich.
»Klar, Bro, wir teilen alles«, antwortete Dylan laut losprustend, und ich stimmte in sein Lachen ein. Tja, noch war uns zum Lachen zu Mute. Gleich standen wir zehn Minuten bibbernd und mit kribbelnder Haut in den Tonnen. Wir hassten das eisige Wasser, aber es half dem Körper, sich schnell zu regenerieren.
Alle Spieler waren schon weg. Ich war als Letzter vom Duschen gekommen. Der warme Wasserstrahl entspannte mich, deshalb ließ ich mir Zeit. Aufs Föhnen hatte ich keine Lust. Bei dem warmen Wetter trockneten meine kurzen Haare schnell.
Die Tür öffnete sich in dem Moment, als ich die Sporttasche über die Schulter warf. Na wunderbar. Welches Wort meiner gestrigen Absage hatte Kaylee nicht verstanden?
»Was willst du in der Spielerkabine?«, fragte ich verärgert.
Kaylee musterte mich unverhohlen. »Na, was wohl? Dich sehen.«
»Ich hatte dir unmissverständlich gesagt, dass es kein zweites Treffen geben wird. Also halte dich daran, wenn du mit mir keinen Ärger bekommen willst«, warnte ich sie.
»Ich dachte, du hast das nicht ernst gemeint«, verteidigte sie ihr Erscheinen und schluckte schwer.
Ich verdrehte die Augen. Frauen gestehen, dass sie mich nervten, verkniff ich mir eigentlich lieber. Aber bevor es in einen Disput ausartete, machte ich der Sache lieber ein schnelles Ende. Kaylee wollte es offensichtlich noch einmal hören.
Ich räusperte mich. »Pass auf«, fing ich an und fuhr mir mit gespreizten Fingern durchs Haar. »Es war nett mit dir. Doch ich habe keine Zeit für weitere Treffen. Am besten, du suchst dir einen Typen, der eine Beziehung mit dir zu schätzen weiß.«
Kaylee schnappte nach Luft. »Du wolltest nur deinen Spaß mit mir?«
»Das hatte ich dir klar und deutlich zu verstehen gegeben, bevor wir auf mein Zimmer gegangen sind«, antwortete ich. Ohne noch ein Wort zu sagen, schob ich mich an Kaylee vorbei und betrat den Gang.
Kurz warf ich einen Blick über die Schulter, ob sie mir folgte. Zum Glück kam sie mir nicht hinterher. Ich wusste, dass ich hart mit ihr gesprochen hatte, aber vielleicht begriff sie es jetzt, dass ich meine Meinung nicht ändern würde.
Auf dem Parkplatz suchte ich nach den Autoschlüsseln für meinen alten Jeep. Ich wollte noch schnell in unser Apartment fahren und die verdreckten Sportklamotten in die Waschmaschine werfen, bevor ich mich auf den Weg zum Sam’s Diner machen würde.

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Kapitel 3 - Ashley

Als ich aufwachte, brauchte ich einen Moment, um zu realisieren, dass ich von Lucas nur geträumt hatte. Irgendwie schade, dass der Traum in dem Moment abgebrochen war, als Lucas eine Hand in meinen Nacken gelegt hatte und sein Mund mir näher gekommen war.
Ob ich im Schlaf seine Lippen gespürt hätte?
Keine Ahnung, und das würde ich jetzt nicht mehr herausfinden. Seufzend rieb ich mir mit den Fingerspitzen die Augen.
Ach Mann, warum konnte ich nicht eine von den hübschen Cheerleadern sein, auf die er stand?
Ich wusste, meine Chancen tendierten gegen null. Lucas mochte Frauen, die schlank waren, vermutlich Size Zero trugen. Wenn ich mich in meine Bauchwegschlüpfer presste, passte ich mit Hängen und Würgen in Größe M.
Lucas Exfreundinnen hatten lange, glatte Haare, ich kämpfte täglich damit, meine wilden roten Locken zu bändigen, die mir bis zu den Schultern reichten.
Er schien auf blaue Augen abzufahren, meine waren ein helles Braun, erinnerten farblich an Karamellbonbons. Außerdem vertrug ich keine Sonne. Meine mit Sommersprossen übersäte Haut wurde binnen zehn Minuten knallrot. Gab es irgendeinen Flecken an meinem Körper, wo sich keins dieser braunen Pünktchen breitgemacht hatte? Ich glaubte nicht. Chloe sagte, sie wären süß und passten zu mir. Aber ich hasste sie, weil ich ihretwegen als Kind gehänselt wurde. In der Schule war ich nicht Ashley oder Ash, sondern die fette Sommersprosse.
Zum Glück hatte mich an der Michigan bis jetzt niemand so genannt. Das würde alte Kindheitserinnerungen aufrufen und mir verdammt wehtun.
Aufgrund meiner schlechten Erfahrungen war ich schüchtern und der andauernde Spott, dem ich früher ausgesetzt war, hatte meine Schüchternheit mit den Jahren wachsen lassen, dass ich den Mund kaum noch aufbekam. Nur bei Chloe traute ich mich, aus mir herauszukommen.

Meine Mutter hatte mir früher erzählt, dass ich als kleines Mädchen ein ziemlicher Wirbelwind war, der immer frei sagte, was er dachte und fühlte. Mit Beginn der Elementary School wurde ich still. Seitdem bescherten mir Süßigkeiten Glücksgefühle. Anerkennung hatte ich mir mit guten Schulnoten geholt, was mir wiederum weiteren Ärger eingehandelt hatte.
Für meine Mitschüler war ich eine Streberin gewesen, die sich bei den Lehrern nur einschmeicheln wollte. Das stimmte nicht. Im Gegensatz zu den Kindern waren sie nett zu mir gewesen und deshalb hatte ich mir besonders viel Mühe gegeben und fleißig gelernt.
An der Michigan hatte sich vieles für mich geändert. Hier fühlte ich mich wohl. Alles hatte mit meinem Einzug ins Mädchenwohnheim begonnen. Ich wusste noch, wie aufgeregt ich beim Betreten des Zimmers gewesen war.
Zuerst hatte ich mich neugierig umgeschaut, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen, wie ich zukünftig wohnen würde. Die Einrichtung bestand aus einem Bett, darüber ein Wandregal für Bücher, einem Stuhl mit einem kleinen Schreibtisch. Alles in doppelter Ausführung. Nur den schmalen Schrank musste ich mit meiner Mitbewohnerin teilen. Zum Glück hatte ich nicht viele Klamotten von zu Hause mitgenommen, dass es dahingehend keine Probleme geben dürfte.

Die Besichtigung der Einrichtung war schnell fertig – viel zu sehen gab es nicht. Mein Blick war dann zu meiner neuen Mitbewohnerin gewandert. Ein geöffneter Koffer hatte auf ihrem Bett gelegen. Sie war beim Auspacken gewesen und hatte mich angelächelt. »Hi, ich bin Chloe, schön, dich kennenzulernen«, hatte sie gesagt. Ihr freundlicher und offener Gesichtsausdruck bei der Begrüßung hatte mich sofort spüren lassen, dass wir uns verstehen würden. Seit dem ersten Tag an der Universität waren wir Freundinnen. Wobei ich ergänzen müsste, dass Chloe meine einzige Freundin war. Mit ihrem Freund Travis verstand ich mich auch gut. Im Gegensatz zu mir fiel es Chloe nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Schon in den ersten Wochen konnte sie eine Menge Leute auf dem Campus kennenlernen. Das lag nicht nur daran, dass sie mit ihren schwarzen langen Haaren und grünen Augen außergewöhnlich hübsch war. Chloe war ein offener und herzensguter Mensch, den man einfach mögen musste. Umso stolzer war ich, dass wir befreundet waren.
Ich gähnte, schob die Bettdecke beiseite, stand auf und nahm meinen Terminplaner vom Schreibtisch. Dann setzte ich mich wieder aufs Bett, schlug den Planer auf und blätterte zur kommenden Woche. Ich wollte nachlesen, welche Studienaufgaben ich mir für den Montag eingetragen hatte.
Gleich den ersten Block begannen wir im Philosophieseminar mit der Vorbereitung der Partnerarbeit. Wir würden gesellschaftlichen Fragen bekommen wie:
Was ist Gerechtigkeit?
Warum gibt es arm und reich?
Haben wir einen freien Willen?
Wir sollten uns dazu belesen, um uns für ein Thema zu entscheiden, bevor die Zweierteams gebildet würden. Deswegen hatte ich nach einigen Essays gegoogelt und sie abgespeichert.
Die Schriftstücke wollte ich im Laufe des Sonntags lesen. Die Fragen klangen alle spannend. Und wie immer würde ich die Möglichkeit nutzen, da unser Seminar nur aus 11 Kommilitonen bestand, allein die Aufgabe zu bewältigen. Ich war schon das dritte Semester hier, aber es bereitet mir noch immer Probleme, mit jemandem zusammenzuarbeiten.
Vielleicht würde es bald besser werden, hoffte ich. Denn Kontakte waren notwendig, wenn man das Studium schaffen wollte, auch wenn ich bisher sehr gute Leistungen erbracht hatte. Meine schlechteste Bewertung, wenn man das überhaupt so nennen konnte, war ein GDP von drei Komma sieben. Das entsprach einem A minus.
Meine Augen schweiften zum letzten Block. Die Power Point zum Thema Sozial- und Kulturgeografie am Beispiel Peru war fast fertig. Im Kopierraum müssten nur noch die Handouts ausgedruckt werden. Geografie studierte ich als Zweitfach.
Meine Eltern hatten sich über die Kombination dieses Fachs mit Philosophie gewundert. Weil ich aber nach dem Studium in einer Organisation für Entwicklungshilfe arbeiten wollte, um dort bei interessanten und nachhaltigen Projekten dabei zu sein, war die philosophische Betrachtung von moralischen, solidarischen und ethischen Fragen, die dort eine große Rolle spielten, sehr hilfreich. Seit Jahren hatte ich mich mit diesen Themen befasst und fieberte meinem Abschluss entgegen. Genug die Aufgaben studiert. Wenn ich noch joggen gehen wollte, bevor die ersten Leute sich auf dem Campus blicken ließen, sollte ich mich anziehen. Mein Handywecker müsste gleich klingeln. Es war zwei Minuten vor sieben. Ich klappte den Terminkalender zu und legte ihn auf den Schreibtisch zurück. Die Weckfunktion vom Handy stellte ich ab.
Ich klopfte das Kissen auf, strich die Bettdecke glatt und suchte mir aus dem Schrank meine Sportklamotten heraus.
Duschen und Zähneputzen würde ich nach dem Lauf.
Wozu jetzt duften, wenn ich gleich aus jeder Pore übel schwitzen würde? Und Zähne putzte ich am Wochenende stets nach einem gemütlichen Frühstück – Rat vom Zahnarzt, der auch gleichzeitig mein Vater war. Aus Zeitmangel klappte das in der Woche nicht. Meine erste Mahlzeit aß ich immer erst nach dem zweiten Block.
Mit meiner Laune war es nicht zum Besten bestellt, als ich das ausgewaschene T-Shirt über die Jogginghose zog. Sich entschlossen der Herausforderung zu stellen, sah anders aus.
Missmutig warf ich einen Blick in den Spiegel der Schranktür. Meine Haare sahen aus, als ob sie darüber entsetzt waren, was ich mir gleich antun wollte. Sie standen zu allen Seiten wie ein Pilz ab. Ich seufzte. Es war jedes Mal ein Kraftakt, die Mähne zu einem Zopf zu binden. Aber Abschneiden kam nicht in Frage, weil ich sonst wie ein Junge aussah. Und wenn ich ehrlich war, mochte ich meine Haare. Wenn sie frisch gewaschen und mit dem Lockenstab eingedreht waren, sahen sie toll aus. Dauerte nur ewig, bis ich damit fertig war, deshalb trug ich meistens den Zopf.
Nachdem ich in meine Turnschuhe geschlüpft war, die unbenutzt Monate im Schrank gestanden hatten und ein Glas Wasser getrunken hatte, verließ ich das Wohnheim. Ein böses Stimmchen in meinem Kopf versuchte, mir das Joggen auszureden. Tief Luft holend setzte ich mich in Bewegung. Mal gucken, ob ich länger als zehn Minuten durchhalten konnte, ohne hyperventiliert umzufallen.
Ich hatte eine Vorahnung, dass mein Körper heftig protestieren würde, dass ich ihm diese Quälerei antat.

Es war angenehm mild im Vergleich zur Wärme, die einem ab der Mittagszeit entgegenschlug. Ich war ein Frühlingsmensch, Temperaturen jenseits der 20 Grad mochte ich nicht.
Der September war dieses Jahr außergewöhnlich warm. Fieser Klimawandel, dachte ich mir.
Kaum war ich den ersten halben Kilometer über den Kiesweg gelaufen, fing ich an zu schwitzen und merkte, dass ich meine Beine nur mühsam auseinanderbekam. Meine Schritte wurden so winzig, dass ein Kleinkind locker neben mir hertraben könnte. Aber ich kämpfte weiter. Mein Ziel war es, mindestens das anderthalb Kilometer entfernte Verwaltungsgebäude zu erreichen, um dann wieder umzukehren. Keine Ahnung, ob ich mich überforderte. Doch wenn ich Pfunde verlieren wollte, musste ich bereit sein, Opfer zu bringen, oder?
Deshalb orientierte ich mich am Gebüsch, das meinen Weg säumte. Jeder hinter mich gelassene Strauch war die Markierung eines Teilerfolgs. So starrte ich stur nach vorne und visierte die kommenden Sträucher an, um meine Motivation nicht zu verlieren.
Mittlerweile hechelte ich wie eine Bulldogge. Scheiß Lunge, die widerlich bei jedem Atemzug stach. Dabei war ich nicht einmal Raucherin. Ein Blick auf die Uhr ließ mich aufstöhnen. Echt jetzt? Ich lief erst sechs Minuten? Ich hatte das Gefühl, schon die Hälfte eines Halbmarathons absolviert zu haben.
Jedenfalls suggerierten mir das meine schweren Beine. Wenn ich nicht aufpasste, stolperte ich über meine eigenen Füße, weil sie in einen Streikmodus verfielen und den Kontakt zum Boden nicht verlieren wollten. »Wehe … ihr macht schlapp«, keuchte ich und japste sofort wieder nach Luft. Mit meiner Puste sollte ich sparsam umgehen. Ich bemühte mich, die Umgebung um mich herum auszublenden, weder auf die Vögel noch auf die Schritte hinter mir zu achten.
Mist, ich dachte, dass ich allein hier laufe. Egal, nicht ablenken lassen.
Ich begann, mich selbst anzutreiben. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, betete ich mir stoisch vor.
Die Schritte kamen näher. Sie klangen nach einem Mann, einem echten Sportler, der im Gegensatz zu mir wohl öfters seine Runden auf dem Campus drehte.
O Gott, wie schnell rennt der Kerl?
Ich wurde nervös, kam noch mehr ins Schwitzen.
Konzentration, Ashley, rück mal Richtung Sträucher, damit der Typ mehr Platz hat und vorbeilaufen kann!
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen …
Ich senkte den Kopf, heftete meinen Blick auf den Boden, um in kein überhebliches Grinsen von der Seite zu sehen, weil ich mich so quälte. Das wäre das Letzte, worauf ich gerade Lust hätte.
Höchstwahrscheinlich Quatsch, weil wahre Sportler andere nicht auslachten, das taten nur die Arschtypen, die Fitness machten, um mit ihren Muckis anzugeben.
Jetzt war der Kerl fast auf meiner Höhe. Doch irgendwie klangen seine Schritte nicht mehr gleichmäßig, sondern … »Aua!«
Unerwartet verspürte ich einen heftigen Stoß gegen meine Schulter.
What the fuck … Wie irre ruderte ich mit den Armen, mein Herz schien für einen Augenblick still zu stehen.
Doch schon hatten mich meine Füße überrumpelt, verknoteten sich, als ich das Gleichgewicht verlor. Ich machte eine viertel Drehung und stürzte Richtung Sträucher.
Ungewollt umarmte ich Gestrüpp, das mich zum Dank überall piesackt.
»Verdammte Scheiße!«, hörte ich eine tiefe männliche Stimme fluchen. Und Himmel, was für eine geile Stimme. Der Kerl klang wie Lucas Hanson. »Sorry, tut mir leid, dass ich dich angerempelt und zu Fall gebracht habe«, redete sie weiter.
Wenn es mir nicht so elend gerade gehen würde, dürfte diese Stimme ruhig noch eine Weile sprechen und ich würde verträumt zuhören. Aber im Moment war das hier ziemlich unbequem und ich wusste nicht, wie ich mich aus meiner misslichen Lage befreien sollte. Es gab schönere Liegepositionen als in diesem Blättermeer.
Ich versuchte, ein kleines Blatt wegzuspucken, das an meinen trockenen Lippen hing. Natürlich funktionierte das nicht. Es blieb hartnäckig am Mund kleben.
»Kannst du mir mal hoch helfen?«, fragte ich blind. Denn außer ausladendes Strauchwerk sah ich nichts.
»Hoffentlich hast du dir nicht wehgetan«, sagte der Typ, zu dem die tolle Stimme gehörte. »Ich helfe dir, aus dem Gesträuch herauszukommen.«
»Nein, ich …« Fass mich bloß nicht an, würde ich ihm am liebsten zurufen.
Doch zu spät.
Ohne Hemmungen packten mich zwei große Hände links und rechts an der Taille.
Ich konnte nicht anders und kicherte.
»Was ist?«, hörte ich ihn perplex fragen.
»Bin kitzlig«, gestand ich.
»Da musst du jetzt durch«, kam prompt die Antwort.
Um mich nicht weiter zu blamieren, presste ich die Lippen zusammen, während er mich mit einem kräftigen Ruck aus dem Gestrüpp zog und auf die Füße stellte.
»O Mann«, seufzte er und gab ein Schnauben von sich. »Ich hatte dich einfach übersehen.«
Ich blinzelte, als ich mich umdrehte.
Mich übersehen?! Das haute der Typ als Begründung für unseren Zusammenprall raus?
Also mal ehrlich, wie könnte man mich bitte übersehen?
Ich hatte fast die gesamte Breite des Wegs eingenommen, dazu meine roten Haare … Man konnte mich nicht übersehen. Okay, mich schon, aber keinesfalls meinen voluminösen Körper.
Nachdem ich das Blatt von meinen Lippen gepult und noch weiteres Grünzeug von meinem Shirt und der Hose gezupft hatte, hob ich den Kopf.
Ich glaub, mich tritt ein Pferd. Wo war ein Loch, in das ich mich so schnell wie möglich verkriechen könnte?
O mein Gott! Lucas Hanson.
Es war nicht nur seine sexy Stimme, die ich die ganze Zeit gehört hatte, der Kerl stand leibhaftig vor mir. Seine braunen Augen musterten mich besorgt.
Warum konnten wir uns nicht unter anderen Umständen begegnen? Obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte, als meinen Traummann persönlich kennenzulernen, würde ich in diesem Moment am liebsten meine Beine in die Hand nehmen und flüchten.
»Alles okay bei dir?«, fragte er.
Ich nickte, bekam keinen Ton heraus. Wie sollte ich auch in seiner Anwesenheit fähig sein, einen logischen Satz zu bilden? Er sah mich an und lächelt, bevor er drei Schritte beiseite ging und sich bückte. Lucas hob sein Handy auf, an dem schwarze Kopfhörer baumelten.
»Ich war unkonzentriert, als ich nach der richtigen Musik in meiner Playlist gesucht habe«, gestand er zerknirscht. Nachdem er den Staub vom Handy gewischt und gecheckt hatte, ob es heil war, stopfte er es mit den Kopfhörern in die Hosentasche seiner kurzen weißen Sporthose.
»Mein Handy ist nicht kaputt. Bei dir auch alles ganz?« Er wirkte ehrlich besorgt. Seine Augen wanderten über meinen Körper, als ob er auf der Suche nach einer Verletzung war. Es war mir unangenehm, so angesehen zu werden. Zum Glück hatte ich vom Laufen schon gerötete Wangen, sonst wäre das jetzt noch peinlicher. Hastig schüttelte ich den Kopf, damit er mit seiner Begutachtung aufhörte.
Seufzend strich er sein dunkelbraunes Haar aus der Stirn. O Mann, was für schönes, glänzendes Haar.
»Bist du dir sicher, dass alles okay ist?«, vergewisserte er sich. Endlich sah er mir ins Gesicht, statt meine dicken Schenkel und den ausladenden Rest zu betrachten. Ich war erleichtert.
Ich nickte ein zweites Mal. Verflucht, ich bringe einfach kein Wort heraus.
Lucas trat wieder an mich heran und zog den linken Mundwinkel hoch. Ich konnte nicht anders und seufzte ergeben. Dieses coole Lächeln ist zum Niederknien. Gott, ich sabbere noch, wenn ich ihn weiter bewundere. Aufhören, Ashley, sofort damit aufhören!

Aber es war nun mal so. Der ganze Kerl war unglaublich attraktiv, charismatisch und sooo groß. Obwohl wir mehrere Kurse zusammen belegten, hatte er noch nie so dicht vor mir gestanden. Ich blinzelte zu ihm hoch. Er überragte mich um mehr als eine Kopflänge.
»Du kannst doch bestimmt auch reden?«
Mit zusammengepressten Lippen nickte ich zum dritten Mal. Blödes Genicke. Ich benehme mich wie ein Wackeldackel. Wenn ich nicht langsam den Mund aufbekam, würde er mich für geistig beschränkt halten.
Mein erster Ton war ein Krächzen. »Äh … Ja«, brachte ich noch mühsam heraus.
Doch schlagartig fielt mir ein, dass ich mich der Morgenhygiene noch nicht gewidmet hatte. Also stinke ich definitiv nach Schweiß und hatte ekelhaften Mundgeruch.
Fuck. Schnell biss ich die Zähne zusammen und wich ein paar Meter zurück. Ging nicht anders. Wenn ich stattdessen meine Hand vor den Mund halte, würde er mich fragen, ob ich mir dort eine Wunde zugezogen hätte, und mir in den Mund schauen wollen. Nein, das durfte nicht geschehen. Was für eine Blamage das wäre.
Meine Lippen hielt ich zusammengepresst, als ob sie versiegelt wurden.
Neidisch gestand ich mir ein, dass Lucas zwar wie ich schwitzte, aber er roch – im Gegensatz zu mir – sehr gut. Ihn umhüllte der Duft nach einem herben Aftershave. Selbst sein Atem war minzfrisch. Seinen Mund hätte ich gern näher erkundet, denke ich natürlich nur.
Hätte ich geahnt, dass ich von diesem muskulösen, sexy Kerl umgestoßen werde, wäre ich schon um fünf aufgestanden. Ich hätte geduscht, die Haare gestylt und die Zähne geputzt. Außerdem wäre ich nicht in diesen schrecklichen Klamotten unterwegs. Obwohl … Doch, wäre ich, weil mir das Geld für ein neues Sportoutfit fehlte. Na ja, wenigstens waren meine Turnschuhe so gut wie neu.
»Okay, wenn dir nichts passiert ist, dann will ich dich nicht weiter aufhalten«, sagte er, zwinkerte und strich mir zum Abschied über die Schulter, eine Geste, als ob wir befreundet wären. Die Berührung prickelte angenehm nach.
Leider hatte Lucas das Interesse an mir ziemlich schnell verloren. Eindeutig wollte er sich wieder auf seinen Sport konzentrieren. Er holte sein Handy hervor und scrollte nach Musik in seiner Playlist, bevor er sich umdrehte, um seinen Lauf fortzusetzen.
Lucas stöpselte die Kopfhörer in die Ohren und trabte lässig los. Fasziniert betrachtete ich seinen breiten Rücken, den knackigen Hintern, die sonnengebräunten Waden.
Was für ein beeindruckender Kerl, schwärmte ich.
Unerwartet drehte er sich um und hob den Arm: »Bis Morgen, Ashley«, rief er mir zu.
Hä?
Mir klappte der Mund auf und ich riss die Augen auf.
Hat er gerade Ashley gesagt?
Lucas lachte kopfschüttelnd, zeigte mir perfekte weiße Zähne. Mein Gesichtsausdruck musste zu komisch ausgesehen haben.
Ohne einen spöttischen Kommentar von sich zu geben, wandte er den Blick nach vorn und setzte seinen Weg fort.
Mein ganzer Körper zitterte und mein Atem ging schnell, was aber nicht an dem Umstand lag, dass ich von meinem lahmen Lauf immer noch geschafft war.
Nein. Der Grund war, dass Lucas mich mit meinem Namen angesprochen hatte. Er kannte mich aus den Kursen.
Das bedeutete: Lucas Hanson wusste, wer ich war.
»Ja, bis Montag«, piepste ich und war mir sicher, dass er mich nicht gehört hatte.
Mein Glücksgefühl hielt jedoch nicht lange an, weil Lucas bald den Weg abbog und ich ihn nicht mehr sehen konnte. Ich war mir sicher, dass er mich schon jetzt vergessen hatte.
Nach einigen Minuten ging es mir dann bedeutend besser. Die unfreiwillige Pause hatte geholfen, meinem Körper Ruhe zu gönnen. Die Beine fühlten sich zwar noch schwer an, doch ich konnte wieder einigermaßen atmen. Trotzdem hatte ich keine Lust mehr, weiter zu laufen. Deshalb beschloss ich, mich zum Wohnheim zurückzubegeben.

Mit meinem Waschzeug machte ich mich auf den Weg zu den Duschen. Es herrschte immer noch Stille im Haus, weil die meisten Studenten samstags feierten und dann lange ausschliefen. Es war noch nicht acht und ich würde die Ruhe genießen.
Bevor ich meine Studienaufgaben erledigte, wollte ich in die Stadt fahren, um im Whole Foods ein paar Lebensmittel einzukaufen. Außer Cracker und Schokocreme hatte ich nichts auf dem Zimmer. Für einen langen Sonntag reichte das nicht. Da ich kein Auto besaß, würde ich mit dem Bus fahren. Die Nutzung der öffentlichen Linie war für alle Studenten und Mitarbeiter der Universität kostenfrei, deshalb würde ich den Service nutzen. Sonst war ich mit dem Fahrrad unterwegs.
Jedoch fühlten sich meine Beine nach der sportlichen Betätigung – wenn man das überhaupt so nennen durfte – immer noch schlapp an.
Klar, meine Eltern könnten mir neben dem Studium ein Auto finanzieren, doch mein Vater vertrat die Auffassung, ich sollte lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Er selbst hatte sich alles, was er bisher erreicht hatte, hart erarbeitet.
Seine Eltern hatten ihr Leben lang als Farmer geschuftet und ein halbes Dutzend Kinder großgezogen. Sie mussten jeden Cent doppelt umdrehen, bevor sie ihn ausgaben.
Damit ich lernte, mit Geld umzugehen, tröpfelte der elterliche Geldhahn spärlich und ich war ständig knapp bei Kasse.
Mir wurde in diesem Augenblick wieder bewusst: Ich brauchte einen Job. Dringend!

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Kapitel 4 - Ashley

Mit meinen Haaren hatte ich mir Mühe gegeben. Ich mochte sie heute ausnahmsweise offen tragen, nur fielen mir dann einzelne Strähnen ins Gesicht. Darum hatte ich sie über den Kopf zusammengefasst und mit einer Spange befestigt. Ich benutzte sie selten, weil die Haare brechen könnten. Doch fand ich, dass Haarreifen an mir bieder aussahen und Tücher schnell verrutschten. Der Zopf war und blieb innerhalb der Woche am praktischsten.
Ob ich meine Augen mit Mascara betonen sollte?, überlegte ich beim Blick in den Spiegel.
Besser wäre es. Chloe sagte, dass ich kränklich aussehe, wenn ich die Augen nicht schminken würde.
In meinem Kosmetiktäschchen hatte ich braune und schwarze Wimperntusche. Schwarz wirkte bei mir unnatürlich, deshalb entschied ich mich für die braune Farbe.
In Slip und BH suchte ich nach ein paar Klamotten im Schrank. Die Wahl fiel nicht schwer. Es gab nur noch meine hellblaue Jeans, die ich mit viel Mühe schließen konnte. Noch ein weiteres Stück würde ich den zusätzlich angenähten Knopf auf der linken Bundseite nicht mehr verrücken können. Er saß schon jetzt knapp vor dem Rand. Ich zog erst Strümpfe und danach die Hose und meine gelbe Tunika an. Zum Glück hing das Oberteil locker über den Hüften, dass meine provisorische Hilfsmaßnahme nicht zu sehen war.
Als ich loswollte, vibrierte mein Handy. Chloe wollte noch eine Nacht bei Travis bleiben, schrieb sie mir. Schade, dachte ich seufzend. Müsste ich bis Montag warten, um ihr von Lucas’ und meiner Begegnung zu erzählen. Nachdem ich in graue Sneakers geschlüpft war, schnappte ich mir Handy und Portemonnaie, stopfte beides in meinen Rucksack und verließ das Zimmer. Auf dem Gang kam mir ein Pärchen entgegen, das müde »Hallo« murmelte und zu den Duschen schlurfte. Dass an den Wochenenden auch Männer hier waren, verwunderte mich schon lange nicht mehr. Die Wohnheimleitung schien damit kein Problem zu haben.
Zum Glück schlief Chloe immer bei Travis. Keine Ahnung, ob ich das locker sehen könnte, wenn er bei uns übernachten würde. Chloe hatte mich das glücklicherweise noch nicht gefragt. Vielleicht ahnte sie, dass mich solch ein Umstand stören würde.
Ich kam aus der kleinen Stadt Gladwin, die rund 150 Meilen von Ann Arbor entfernt lag. Meine Mutter war tiefgläubige Christin. Von ihr wurde ich so erzogen, dass ich nur dann mit einem Mann Sex haben sollte, wenn der bereit wäre, mich zu heiraten. Meine Mutter war als Jungfrau in die Ehe gegangen. Als schlechtes Beispiel hatte sie mir Evelin Walker vor die Nase gehalten. Sie war ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft. Mit 18 Jahren wurde sie schwanger. Man hatte getuschelt, dass Evelin und ihr Freund beim Sex wohl ein Kondom benutzt hätten, das unglücklicherweise dabei gerissen wäre. Daraufhin hätte der Typ sie sitzenlassen. Schnell hatte Evelin Walker den Ruf eines Flittchens weg. Das Getuschel und Gehetze war richtig gemein gewesen. Selbst meine Mutter ließ kein gutes Haar an Evelin. Wir Außenstehenden kannten doch nicht die Gründe für die Trennung? Und was ging es die Leute an, warum Evelin ihr Kind allein großziehen musste?
Einige Monate nach der Geburt war sie mit ihrer Tochter verschwunden. Angeblich wussten nicht einmal ihre Eltern, wo Evelin hingezogen war. Ich hatte Angst, mir könnte das Gleiche passieren und meine Familie würde mich verachten. Noch mehr Angst hatte ich jedoch, wie Evelin zum Gespött der Nachbarschaft zu werden. Das könnte ich nicht ertragen.
Aus diesem Grund würde ich auf den Richtigen warten, mit dem ich dann mein erstes Mal hätte. Mindestens verlobt müssten wir sein, bevor ich mich auf ihn einließe. Ganz so krass wie meine Mutter war ich nicht drauf, aber das Versprechen würde ich schon haben wollen.
Während ich zum Bus schlenderte und über die Dinge nachdachte, erschien Lucas Hanson vor meinem inneren Auge.
Wenn ich ihn sah, wurde er oft von hübschen Mädchen in Beschlag genommen und angeschmachtet. Die fast vierzehn Monate, die ich jetzt hier war, hatte er drei Freundinnen gehabt. Und ich könnte wetten, dass sie nicht so prüde waren wie ich. Darum bezweifelte ich, dass Lucas sich auf eine Frau einlassen würde, die mit dem Sex warten wollte.
Da tickte er doch wie die meisten Kerle, oder?
Am liebsten würde ich ihn danach fragen. Das würde natürlich nie passieren. Ich konnte mir schon vorstellen, wie seine Reaktion wäre. Mit dem Finger an die Stirn tippend, würde er von mir wissen wollen, ob ich verrückt wäre, ihm so eine bekloppte Frage zu stellen.
Ein Geräusch ließ meine Gedanken wie eine Seifenblase zerplatzen. Denn der Bus hielt neben mir. Zügig stieg ich ein. In weniger als einer halben Stunde würde ich am Ziel sein. Als ich nach meinem Portemonnaie kramte, um dem Fahrer den Ausweis zu zeigen, winkte der ab. Wer sonst, außer einer Studentin, sollte hier zusteigen?

Langsam schob ich den Wagen durch den Supermarkt. Ich hätte nicht mit knurrendem Magen hierher gehen dürfen. Wie magisch angezogen steuerte ich auf die duftenden Backwaren zu. Die Schokocroissants rochen köstlich. »Hmmm«, stöhnte ich und schmolz dahin. Mir fehlte die Willenskraft und ich griff nach einer Tüte.
Ob mir eins reicht? Doch lieber zwei. Ach egal, ich war joggen. Rasch packte ich drei Stück ein, bevor mein schlechtes Gewissen anklopfen würde. Ich sagte ja schon, mir fehlte es an Willenskraft.
Meine nächste Station war die Salattheke. Immerhin wollte ich abnehmen, also sollte ich auch einen frischen Obstsalat mitnehmen. Gemüse war nicht so mein Ding. Dann ging es Richtung Getränke und ich packte eine Flasche Cola ein. Die Lightvariante. Ich wollte ja nicht übertreiben. Der Wagen hatte das Kommando übernommen und rollte weiter zu den Knabbereien. Meine Augen blieben an den Sweet Potato Chips hängen. Eigentlich sollten nur die Croissants meine Sünde sein, aber da Chloe die Nacht bei Travis übernachtete, würde sie nicht mitbekommen, wenn ich sie naschte. Die leere Tüte könnte ich in einem Abfalleimer auf dem Campus verschwinden lassen. Wie lautete die von mir abgewandelte Redewendung? Was Chloe nicht weiß, macht sie nicht heiß.
Na, Ashley, können sich deine Hüften das wirklich leisten?
Verdammter Mist. Jetzt hatte sich doch das Gewissen gemeldet.
Ach, lass dir nichts erzählen. Na hol dir diese leckeren Chips, bekommt doch keiner mit, mischte sich das böse Stimmchen ein, das heute Morgen versucht hatte, mich vom Laufen abzuhalten.
Gerade wollte ich meine Finger ausstrecken, um mir eine Tüte zu schnappen, höre ich Lucas Stimme.
Mann, was macht der denn hier?
Er unterhielt sich mit Dylan, glaubte ich jedenfalls, herauszuhören. Sie waren hier um Wasser zu kaufen, wie ich mitbekam. Wasser … Na klar, geschmack- und kalorienlos.
Sie standen auf der anderen Seite des Regals. Erschrocken zog ich meine Hand zurück und hockte mich auf den Boden. Der letzte Ort, wo ich Lucas treffen wollte, war am sündigen Knabberstand.
Was sollte er von mir denken?
Erst quälte ich meinen Körper mit Sport und nicht einmal zwei Stunden später füllte ich den Einkaufswagen mit ungesundem Zeug.
Als ich die beiden Kerle nicht mehr hörte, schlich ich mit dem Einkaufswagen den Gang entlang und lugte um die Ecke. Lucas und Dylan standen mit dem Rücken zu mir. Aufatmend schob ich meinen Wagen in die entgegengesetzte Richtung. Wenn ich mir keine Chips holte, sollte ich noch einen zuckerfreien Joghurt mitnehmen, denn nur von Obst und drei Stück Gebäck würde ich nicht satt werden.
Ashley, du hasst solch ein Schlabberzeug!, meldete sich das fiese Stimmchen.
Stimmt, dachte ich. Auf dieses Argument hörend, ließ ich kurz den Wagen stehen und marschierte entschlossen noch einmal zu den Chips. Ich griff mir eine Tüte und eilte zu meinen Einkäufen zurück. Nun schaute ich mich nach der Kasse um. Von weitem hatte ich sie schon im Blick. Sie war hinter mir. Also los.
»Hallo«, hörte ich plötzlich Lucas neben mir sagen.
Erwischt!
Mein Herz hämmerte wild in meiner Brust, als ich abrupt stehen blieb.
Lucas stellte die beiden Getränkepacks ab und kniff die Augen zusammen. Es sah so aus, als ob er erst in seinem Oberstübchen kramen müsste, wer ich überhaupt war.
Und ich dachte nur: Bitte erinnere dich nicht.
Während ich ihn dümmlich anstarrte, blitzte in seinen Augen die Erkenntnis auf. »Hey, Ashley. Ich hatte kurz überlegt, woher wir uns kennen. Du siehst mit offenen Haaren ganz anders aus. Du trägst sonst immer einen Zopf.«
Scheiße, erkannt.
Mühsam rang ich nach Luft und mein Magen zog sich zusammen. Warum war ich nicht eine Minute schneller gewesen, dann wären wir uns nicht begegnet.
Hastig nickte ich, ohne ein Wort zu sagen. In seiner Gegenwart schaltete mein Hirn sowieso auf Notversorgung. Das Einzige, woran ich jetzt denken konnte, war Flucht. Ohne eine Sekunde länger zu warten, wollte ich kopflos irgendwohin stürmen. Bloß weg, war mein Fluchtgedanke. Schon schoss mein Wagen gegen ein Hindernis. Rums. Es hatte gewaltig gekracht.
Mir entfuhr ein Schreckenslaut, weil ich beim Wenden das schwere Metallding in eine Waschmittelpyramide gestoßen hatte, die zu Werbezwecken aufgebaut war. Polternd purzelten die Kartons auf den Boden.
In was für ein Schlamassel hatte ich mich jetzt schon wieder manövriert?
Warum? Was hatte ich verbrochen, dass ich mich wiederholt vor Lucas Hanson zum Affen machte?
Als ich vorsichtig zu ihm hochsah, stellte ich fest, dass seine Mundwinkel verräterisch nach oben zuckten. Wehe, du lachst mich aus!
Mit einem gefährlichen Funkeln, das ihm versprach, dass er gleich einen Tritt in seine heiligen Glocken bekommen würde, wenn er es nicht schaffte, sich zusammenzureißen, schaute ich ihm ins Gesicht.
Aber mein finsterer Blick beeindruckte ihn nicht die Bohne. »Du musst schon zugeben, dass du ein Talent hast, dich in merkwürdige Situationen zu begeben«, sagte er und lachte kopfschüttelnd.
Haha, du bist echt ein Witzbold. Wer bitte ist beim Joggen in mich hineingerannt?, das würde ich ihn am liebsten antworten. Aber es war wie verhext. Kein verflixter, verschissener Laut verließ meine Lippen.
Mein Blick huschte zu Dylan, der verständnislos mit den Schultern zuckte. Lucas deutete mit dem Kinn zu mir. »Das ist die kleine Rothaarige, die es vorzog, mit einem Strauch zu kuscheln anstatt sich in meine Arme zu werfen.«
Junge, du bist so was von tot, dachte ich. Er bekam mein Knie volle Wucht in seine Eier gerammt. Natürlich nur in meiner Fantasie. Er stand derweil vor mir und amüsierte sich. Ich krallte die Finger in den Saum meiner Tunika, weil ich innerlich kochte. Vielleicht sollte ich die Hand aufhalten, damit er mir einen Dollar hineinlegte. Immerhin Junge, du bist so was von tot, dachte ich. Er bekam mein Knie volle Wucht in seine Eier gerammt. Natürlich nur in meiner Fantasie. Er stand derweil vor mir und amüsierte sich. Ich krallte die Finger in den Saum meiner Tunika, weil ich innerlich kochte. Vielleicht sollte ich die Hand aufhalten, damit er mir einen Dollar hineinlegte. Immerhin war der Spaß, den er sich machte, auf meine Kosten.
»Ach, die Kleine.«
Wunderbar. Nun stiegt auch noch Dylan in Lucas’ Lachen ein. Ich konnte nichts dagegen tun und lief ungehindert rot an. Jetzt leuchtete mein Gesicht mit meinen Haaren um die Wette. Das alles wurde mir immer peinlicher.
»W-witzig«, presste ich heraus. Gestammelt, aber zumindest ein Wort, das bewies, dass ich mehr als eine Silbe sprechen konnte.
Lucas runzelt die Stirn. Seine Miene spiegelte plötzlich Unsicherheit wider. »Sorry, ich wollte mich nicht über dich lustig machen.«
»Dann lass solche b-blöden Kommentare.« Die Wut auf ihn machte mich mutig. Ich löste meine Hände aus dem Baumwollstoff und war wahnsinnig stolz auf mich.
»Nun sei mal ein bisschen entspannter.« Lucas zwinkert mich mit breitem Grinsen an.
Entspannter? Wie sollte ich hier zwischen ihm und Dylan und den ganzen umgestürzten Waschmittelpackungen entspannter sein? Vor allem, weil sie mich ausgelacht hatten.
Ich wollte noch etwas entgegnen, doch aus dem Augenwinkel sah ich eine grimmig dreinblickende Angestellte vom Supermarkt auf uns zukommen. Rasch ruckte ich den Einkaufswagen zurück, um mit dem Aufheben der Pakete zu beginnen, bevor das Donnerwetter losging.
Auf den Knien robbend konzentrierte ich mich auf die zerstreut liegenden Kartons.
»Mach mal Platz, Ashley.« Lucas beugte sich zu mir, fasste mit seiner großen Hand nach meinem Ellenbogen und half mir beim Aufstehen. Er ließ meinen Arm los und fuhr sich durchs dunkle Haar. »Das hier ist Männersache.«
Dann wandte er sich der Supermarktangestellten zu, die nur noch wenige Schritte von uns entfernt war. »Wir räumen das Chaos auf, Mrs. Miller«, rief er ihr zu. Schlagartig wurde die Miene der Frau freundlich, während sie die Hand hob und abwinkte. »Okay, Luc«, gab sie sich einverstanden, machte auf den Absatz kehrt und verschwand in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Überrascht und fragend gleichermaßen schaute ich Lucas an. »Sie ist die Frau von unserem Platzwart«, erklärt er und hob einen Karton hoch, der beim Zusammensturz in meinen Wagen gefallen war.
Ich hielt es für falsch, den Männern die ganze Arbeit allein machen zu lassen, und wollte mich wieder bücken, als ich plötzlich ein Knistern hörte, das sofort mein Herz stolpern ließ. Ich wirbelte zum Geräusch herum.
»Was willst du denn kaufen?«, hörte ich Dylan sagen, als er neugierig erst die Backwaren, danach die Chipstüte betrachtete. Beides hielt er wie Trophäen in den Händen.
»Leg das zurück!«, keuchte ich.
Ohne Hemmungen schweifte sein Blick über meinen Körper. »Von dem Gift ernährst du dich?«, fragte er mit leicht sarkastischem Unterton. Was sollte ich jetzt darauf antworten? Ich schämte mich in Grund und Boden. Einen Augenblick schloss ich die Augen und wartete auf Lucas’ Einstieg. Nun hopp, werfe eine Gemeinheit hinterher, dachte ich.
»Der ist doch lecker, keine schlechte Idee, sollten wir uns auch mitnehmen.«
Überrascht blinzelte ich. Mein Kopf ruckte zu Lucas. Ich sah, wie er die Schale mit dem Obstsalat gerade in den Wagen zurückstellte. »Du solltest schnell zur Kasse gehen, sonst schmeckt er nachher nicht mehr«, meinte er.
»Ja, sollte ich«, murmelte ich, entzog Dylan die Tüten mit den Schokocroissants und Chips und packte alles hastig in den Wagen zurück.
Lucas und Dylan hatten sich mittlerweile von mir abgewandt und räumten die Kartons zusammen.
Wenn die Kerle beschäftigt sind, was mache ich dann noch hier?, sinnierte ich und rollte eine Strähne meiner Haare auf dem Finger auf und ab. Ich nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, fröhlich zu klingen. »Wenn ihr mich nicht mehr braucht …« Keine Reaktion. Ich wartete einen Augenblick, bevor ich ergänzte: »Okay, man sieht sich.«
»Ja, klar, wir sehen uns«, bekam ich von beiden als flüchtige Antwort. Auf ein Gespräch würde das hier definitiv nicht mehr hinauslaufen, war ich mir sicher. Also nickte ich ihnen zu und schob den Wagen zum Kassenbereich.
Logisch, Lucas Hanson, wer sonst.

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Kapitel 5 - Teil 1 - Ashley

Wie reagiert Ashley auf die Mitteilung, mit Lucas die Partnerarbeit absolvieren zu sollen.

Fuck! Fuck! Fuck!
Das war die Strafe, die verdammte Strafe, dass ich gestern die Sweet Potato Chips gegessen hatte.
Auf dem Bett liegend, zog ich, so weit es ging, den Bauch ein und kämpfte mit dem Reißverschluss. Dabei musste ich ganz vorsichtig sein, damit die Metallzähnchen ineinander verhakten. Zum Glück bekam ich meinen zusätzlich angenähten Knopf durch den Schlitz gedrückt, um die Hose zu schließen. Mittlerweile schien ich wie ein Hefekloß auseinanderzugehen.
Wenn ich es nicht mehr schaffte, mich in diese Jeans reinzuzwängen, hatte ich ein gewaltiges Problem. Denn dann müsste ich in meiner Jogginghose herumlaufen. Himmel, das darf nicht die letzte Option sein! Mir wurde wieder schmerzhaft bewusst – und eine in den Bauch kneifende Hose war ziemlich schmerzhaft –, dass es nur zwei Alternativen gab. Abnehmen oder schnellstmöglich Geld verdienen.
Wenn es jetzt nicht fünf vor zwölf war, wann denn dann? Nachdem ich mich vom Bett gerollt hatte, stellte ich mich vor den Schrankspiegel, um einen kritischen Blick zu wagen. So direkt mochte ich mich eigentlich nicht anschauen. Ich fühlte mich wie eine Presswurst und schaffte es kaum, vernünftig zu atmen, weil der Bauch mordsmäßig gegen den Knopf spannte. Seufzend betrachtete ich mein Spiegelbild. Es war nicht zu leugnen. Die Schenkel waren zu breit, eine Speckrolle quoll über den Hosenbund.
Verflixt noch mal, wieso musste ich auch ständig naschen? Doch was brachte mir jetzt mein Gemecker? Es half nicht weiter und außerdem musste ich zu Professor Williams Seminar. Es würde in zwanzig Minuten beginnen, wie ich mit Blick auf die Uhr feststellte.
Rasch nahm ich mir ein schwarzes T-Shirt aus dem Schrankfach. Es reichte mir bis zu den Hüften. Dann packte ich meine Studiensachen in den Rucksack, band die Haare zum obligatorischen Zopf zusammen und schlüpfte in die Sneakers. Draußen im Gang hörte ich schnelle Schritte.
Als ich das Zimmer verlassen wollte, stürmte unerwartet Chloe herein. »Hey Ash.« Hastig drückte sie mir einen Kuss auf die Wange, bevor sie die Tür vom Kleiderschrank aufriss, um sich ein frisches Handtuch und die Kosmetiktasche zu schnappen.
»Hast du nicht bei Travis geduscht?«, fragte ich verwundert. Chloe schob sich an mir vorbei. »Es gab einen Rohrbruch«, erklärte sie kurz.
Ich folge ihr auf den Gang, um zu fragen, ob sie einen Schlüssel dabei hatte. Wenn niemand im Zimmer war, sollte es nicht offenbleiben. »Kann ich abschließen?«, rief ich ihr hinterher.
»Ja, mach das«, antwortete Chloe, bevor sie in den Duschraum verschwand. Sie wirkte gehetzt. Kein Wunder, in wenigen Minuten begann auch ihr erster Kurs, zu dem sie nicht pünktlich erscheinen würde.
Mit dem Rucksack über der Schulter verließ ich das Zimmer und schloss ab.
Im Seminarraum musste ich einen Moment nach Luft schnappen. Auf den unbequemen Stühlen merkte ich, wie eng die Hose saß. Das würde die nächsten Stunden eine wahre Tortur. Der Vorteil jedoch war, dass mir auf diese Weise den ganzen Tag ins Bewusstsein gerufen wurde, mich in der Dining Hall zurückzunehmen. Das würde heißen, ich verbot mir das All you can eat – Angebot, das ich sonst zu gern nutzte. Sich den Bauch wahlweise mit Pasta, asiatischen Gerichten, Cookies oder Pancakes vollzuschlagen, war verlockend. Doch nun würde ich eisern bleiben und mich die nächsten Tage nur von der Salattheke bedienen. Meinen Pfunden hatte ich den Kampf angesagt.
Wie fast jeden Abend würde ich mich nach einem Nebenjob umsehen. Ich gab die Hoffnung nicht auf. Vielleicht fand ich doch was auf dem Campus, dafür würde ich mir nach der letzten Veranstaltung die Aushänge anschauen. Wenn es sich als erfolglos herausstellen sollte, würde ich gezielt im Internet suchen. Welcher Job es am Ende werden würde, war mir mittlerweile egal. Entschuldige Mom. Auf ihre Wünsche konnte ich in meiner prekären Situation keine Rücksicht mehr nehmen. Wenn man mir eine Stelle als Servicekraft in einem Diner oder in einer Kneipe anbieten würde, müsste ich sie definitiv annehmen, um meine finanziellen Probleme in Griff zu bekommen. Während ich meinen Gedanken nachhing und damit beschäftigt war, Blümchen auf meinem Block zu kritzeln, füllte sich der kleine Seminarraum. Professor Williams kam herein und rief uns einen Morgengruß zu. Ich hob kurz den Blick und beobachtete, wie er zum Schreibtisch ging und eine mit Blättern gefüllte Mappe aus seiner Tasche holte. Vermutlich die Aufgaben für die Partnerarbeit.
Plötzlich wurde der Stuhl neben mir zurückgezogen. Ich hielt mit meine Kritzelei inne.
Wer zur Hölle setzte sich auf den freien Platz? Ich saß immer allein und ich wollte, dass es so blieb. Genau das gefiel mir an der Universität. Man zwang mir keine Leute auf. Nach den vielen Jahren, die ich in meiner Schulzeit gemieden wurde, hatte ich mich daran gewöhnt, einen Tisch ganz für mich allein zu haben. Meinen Rucksack konnte ich auf den freien Stuhl stellen, meine Jacke über die Rückenlehne hängen und kein Sitznachbar lenkte mich ab, indem er mir ein Gespräch aufdrängelte. Es gab so viele Vorteile, allein zu sitzen. Ich war genervt und überlegte, ob ich mich am besten gleich umsetzte. Ich guckte über die linke Schulter, mied den Blick zum Störenfried, den ich rechts neben mir wahrgenommen hatte. Hinter war noch ein freier Tisch, die anderen besetzt.
Klar, hatte ich nicht vergessen, dass ich mir vorgenommen hatte, Kontakte zu knüpfen. Aber doch bitte nicht so schnell! Sondern langsam, in kleinen Schritten.
»Hi, ich gehe mal davon aus, der Platz ist frei.«
Nee, oder? Das artete echt zu einem nicht endenden Alptraum aus. Stöhnend schloss ich einen Augenblick die Augen. Lucas Hanson hatte mich noch nie in diesem Kurs beachtet, geschweige angesprochen, meine Nähe gesucht. Was wurde das hier?
Frech hatte er sich auf meinen zweiten Stuhl gesetzt und besaß noch die Ausverschämtheit, mir meinen Rucksack vor die Nase zu halten. Hallo?
»Stellst du ihn bitte bei dir auf den Boden«, sagte er und schob den linken Mundwinkel ein Stück hoch.
Und was war meine verschissene Antwort?
Ich nickte. Na klar, ich nickte. Mein Gott, warum bin ich bei dem Kerl ständig am Nicken?, dachte ich und knurrte verärgert.
Äh, Moment … Müsste ich nicht eher kopfschüttelnd reagieren? Ach Mann, ich will allein sitzen! Lucas Hanson, hau ab und suche dir einen Platz bei einer der blöden Tussis, die schon neidisch zu uns gucken und für mich sonst nur ein Naserümpfen übrig haben. Ich bemerkte Olivia Baker, die fassungslos zu uns herüber starrt. Hey, wie wär’s mit der eingebildeten Zicke? Der fliegt gleich eine Fliege in den offenen Mund. Am liebste würde ich ihr die Zunge herausstecken, was ich mich aber nicht traute.
Seufzend wanderte mein Blick zu Professor Williams, der auf jeden Tisch die Themenauswahl zur Seminararbeit mit den Anforderungskriterien legte, wie er beim Durchqueren des Raums erklärte. Er wusste doch, dass ich mit niemandem zusammenarbeite?
Professor, bitte sagen Sie Lucas Hanson, er soll sich einen anderen Platz suchen!, flehten meine Augen, aber Williams ignorierte mich.
Verflucht noch mal, was wollte Lucas von mir? Woher kam sein Interesse für mich? Irgendwas war an der Sache faul, da war ich mir absolut sicher.
Ich war verzweifelt. Verliebtsein hin oder her, aber ich wollte nicht geistig wie eine Amöbe wirken, nur weil mir Lucas Hanson zu nahe gekommen war. Auch wenn das im Moment so aussah, weil ich mich nicht zu wehren vermochte. Diese verflixte Schüchternheit! Ich saß wie eine Idiotin steif auf meinem Platz. Dabei würde ich Lucas zu gern sagen, dass er sich gefälligst verdrücken sollte.
Wenn mir der Professor nicht half, musste ich es selbst tun. Aus dem Augenwinkel fixierte ich den freien Tisch. Er wäre die Rettung. Ich atmete tief durch und schielte zu Lucas. Er hielt noch immer meinen Rucksack in der Hand. Jedoch bevor ich den Riemen greifen konnte, um den Platz zu wechseln, musste ich schockiert zusehen, wie sich Lucas riesiger Oberkörper über meinen Schoß beugte, um meinen Rucksack auf die andere Seite auf den Boden zu stellen. Gebannt folgten meine Augen seinen Bewegungen. Ich roch sein holzig duftendes Aftershave. Hmmm, einfach göttlich. Mit einem Schlag tanzten Schmetterlinge in meinem Bauch. Das Blut rauscht in meinen Ohren und mein Herz hämmerte in der Brust. In meiner Situation absolut unpassend. »Sorry, war nicht gentlemanlike, dir deinen Rucksack in die Hand drücken zu wollen«, entschuldigte sich Lucas mit einem unglaublich süßen Grinsen, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. Mir wurde heiß.
Schluss jetzt. Noch mehr durchgeknallte Hormone in meinem Körper verkraftete ich nicht.
Das wurde eindeutig zu viel für mich. Meine innere Stimme rief mir zu, mich sofort an den freien Tisch zu setzen. Denn wie sollte ich es neben diesem sexy Kerl anderthalb Stunden aushalten, ohne dass mein Herz Schaden nehmen würde?
Ich holte tief Luft und zählte gedanklich bis drei.
Mit dem Stuhl rückte ich ein Stück nach hinten. Rasch bückte ich mich, um meinen Rucksack zu greifen, als es leise knallte. Der Reißverschluss meiner Jeans ratschte und ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr aufstehen konnte.
Aus einem Reflex heraus riss ich das T-Shirt hoch. Mein Gesicht lief knallrot an, als der Knopf herunterfiel und über den Boden zum Rucksack rollte.
Geschockt setzte ich mich auf und wandte mich Lucas zu. Einige Sekunden starrten wir uns schweigend an. Und während ich mir den Kopf zerbrach, was ich jetzt machen sollte, fing er an zu lachen.
Dass er die Sache lustig fand, brachte mich noch mehr aus dem Konzept. Wild riss ich an dem Reißverschluss … Und zack, hielt ich den Zipper zwischen Daumen und Zeigefinger. Nun bekam ich die Jeans überhaupt nicht mehr zu. Panisch zerrte ich das T-Shirt herunter. Das alles überforderte mich. Keine Ahnung, wie ich mich aus dieser bescheuerten und gleichermaßen peinlichen Situation befreien sollte.
Zum Teufel noch mal, was geschah hier seit zwei Tagen? Wer oder was hatte sich gegen mich verschworen, dass mir diese schrecklichen Missgeschicke passierten, an denen Lucas eine gehörige Portion Mitschuld trug?
Normalerweise war ich unsichtbar, aber wegen ihm stand ich jetzt im Mittelpunkt. Weil Lucas mit dem Lachen nicht aufhörte, wurden wir von den anderen Studenten neugierig beäugt. Sie fingen an zu grinsen. Dabei wussten sie nicht einmal, was vorgefallen war. Auch Professor Williams schmunzelte und sein Blick schweifte zwischen Lucas und mir hin und her.
Alle hatten ihren Spaß. Doch Himmelherrgott, für mich war das keineswegs lustig. Wenn es eine höhere Macht geben sollte, dann würde ich sie bitten, mir meine Anonymität zurückzugeben! Als sich Lucas beruhigt hatte, legte er den Kopf schräg und schaute mich nachdenklich an. »Hast du echt vorgehabt, den Platz zu wechseln, nur weil ich neben dir sitzen will?« Ein amüsiertes Grunzen schaffte er nicht zu unterdrücken, als sein Blick zu meinem Bauch wanderte, wo mein T-Shirt wie ein Zelt abstand. Er wiederholte sein blödes Grunzen und schüttelt den Kopf. Verdammter Mist, die offene Hose konnte ich vor ihm nicht verbergen. Schnell rückte ich mit den Stuhl dicht an den Tisch und mied es, Lucas anzusehen, woraufhin er wieder leise lachte und sich zu meinem Ohr neigte. Ich spürte seinen warmen Atem auf meiner Wange, während er mir zuraunte: »Du musst wohl hier sitzen bleiben, wenn niemand den Grund erfahren soll, warum du dich so verklemmt benimmst.«
Verklemmt? Du hast mich in diese bekloppte Situation hineingeritten!, würde ich ihm jetzt an den Kopf werfen wollen, aber stattdessen presste ich den Mund zusammen und schwieg. Wie immer. Könnte ich laut sagen, was ich dachte, würde nicht nur er, sondern die halbe Welt geschockt sein. Doch auch wenn ich mich wieder nichts zu sagen traute, hatte er den Bogen überspannt und ich wollte keine Sekunde länger neben ihm sitzen bleiben.
Darum gab ich mir innerlich einen Ruck und griff mit einer Hand nach Block und Stift. Ich beuge mich vor, angelte mit der anderen Hand nach dem Knopf und schnappte mir dazu den Rucksack. Ich spürte Lucas’ Blick im Rücken, als ich hinter ihm zum letzten freien Tisch huschte und mich dort niederließ. Der Knopf verschwand im Inneren meines Rucksacks, nachdem ich ihn abgestellt hatte.
Und dann mache ich etwas, was ich noch nie gewagt hatte … Während Lucas zu mir schaute und fassungslos mit dem Kopf schüttelte, hob ich die Hand und zeigte ihm den Mittelfinger. Sein Gesichtsausdruck daraufhin war dermaßen lustig, dass ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
Ich glaubte, dass es für ihn eine neue Erfahrung war, von einer Frau abgewiesen zu werden. Er musterte mich mit einem undefinierbaren Blick. Er ahnte natürlich nicht, dass ich Grenzen ziehen musste und meine Flucht nur zum Selbstschutz diente.
Erleichtert atmete ich auf, als Lucas sich umdrehte und auf das Blatt guckte, dass der Professor auf den Tisch gelegt hatte.
Ich wandte mich ebenso von ihm ab und Williams zu. »Bis nächsten Montag haben sie sich ein Thema ausgewählt, dass sie bis Semesterende bearbeiten werden. Schicken Sie mir dazu eine E-Mail. Ich erwarte eine Facharbeit im Umfang von … Pi mal Daumen … 50 Seiten. Sie wird ihre Abschlussnote sein.«, kündigte der Professor an. Er zeigte auf Olivia, die nicht nur eine arrogante Kuh, sondern auch die Tochter des Dekans der philosophischen Fakultät war.
»Miss Baker, Sie arbeiten mit Mr. Miller zusammen.«
Natürlich zeterte sie mit Blick zu Lucas. Dem Professor war das egal. Ich grinste, obwohl mir Miller leidtat. Dann deutet er auf mich. »Miss White, Sie werden mit Mr. Hanson im Team arbeiten.«
»W-was? Nein! Das geht nicht«, platzte es aus mir heraus. Wieso wurde mir und Miller vorgeschrieben, mit wem wir zusammenzuarbeiten hatten.? Die anderen Studenten durften sich ihre Teampartner aussuchen. Mein Entsetzen war unvorstellbar groß. »Bitte tun Sie mir das nicht an!«
»Wie bitte?«
Professor Williams nahm seine Brille ab. Verdutzt schaute er mich an. »Nennen Sie mir einen Grund, der es Ihnen erlaubt, meine Anordnung zu widersprechen!«, fuhr er mich an. In diesem harten Tonfall hatte er noch nie mit mir gesprochen. Nach einigen Sekunden räusperte er sich. »Sie haben keinen?«
Seufzend schüttelte ich den Kopf. Ich spürte, wie mir erneut die Röte ins Gesicht stieg. Ich fühlte mich ausgeliefert. Wie ein Hase in der Falle. Und ich wusste keinen Ausweg, mich aus meiner schrecklichen Lage zu befreien.
Wie konnte ich dem Professor auch gestehen, dass ich aufgrund meiner Schüchternheit und wegen meiner Gefühle für Lucas allein arbeiten wollte?
»Fein.« Der Professor lächelte zufrieden und setzte die Brille wieder auf. »Miss White, ich bin mir sicher, Sie werden mit Mr. Hanson gut zusammenarbeiten.« Aus jedem Wort von ihm floss literweise Sarkasmus.
Ich nickte mit einem ergebenen Seufzer und schielte zu Lucas, dessen Augen sich in mein Gesicht bohrten. Seine düstere Miene verriet, dass er meinetwegen verärgert war. Ringsherum wurde gekichert und geflüstert. Vermutlich war ich aufgeflogen und jeder konnte sich denken, warum ich mich so gesträubt hatte, mit Lucas ein Team zu bilden.
Die restliche Zeit ging der Professor die Arbeitsblätter mit uns durch. Lucas blieb auf seinem Platz sitzen, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen. Trotzdem spürte ich seine Präsenz so deutlich, dass mir das Atmen schwerfiel. Das konnte niemals mit uns klappen.
»Bis zur Abgabe ihrer Facharbeiten müssen sie zu den Seminarblöcken nicht mehr erscheinen. Das heißt aber nicht, dass sie montags länger schlafen können. Sie treffen sich stattdessen mit ihren Partnern und besprechen oder bearbeiten ihre gewählten Themen«, erklärte Professor Williams zum Ende des Seminars, bevor er sich verabschiedete.
Damit niemand meine kaputte Hose bemerkte, wartete ich, bis alle den Raum verlassen hatten. Mit dem Rucksack vor dem Bauch gepresst, schaffte ich es nach draußen, ohne dass jemandem mein Problem aufgefallen war. Mir blieb nichts anderes übrig, als zum Wohnheim zu gehen und die Jogginghose anzuziehen. Mir vom Automaten einen Kaffee zu holen, fiel leider aus, weil die Zeit zu knapp war, wenn ich zur nächsten Veranstaltung pünktlich erscheinen wollte. Aber die Lust, mich auf eine Bank zu setzen und genüsslich an dem Heißgetränk zu nippen, war mir sowieso vergangen.
Lucas Hanson, vielen Dank!
Kaum war ich die ersten Meter gelaufen, packte mich jemand am Arm und hielt mich zurück. Plumps. Vor Schreck war mir der Rucksack heruntergefallen. Ich schlug nach der Hand, die mich am Oberarm festhielt.
»Hey, was soll das!«, schimpfte ich los und funkelte denjenigen an, der die Dreistigkeit besaß, mich so zu erschrecken.
Logisch, Lucas Hanson, wer sonst.

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Kapitel 5 - Teil 2 - Ashley

Wie stellt sich Lucas die Partnerarbeit vor:

[…]

Einen Augenblick starrte ich ihr hinterher, bevor ich mich wieder Lucas zuwandte. Dabei bemerkte ich, dass seine Mundwinkel zuckten, als würde ihn der Abgang dieser Bitch mächtig Spaß bereiten.
»Wieso hast du ihr vorgeflunkert, dass ihr ein Date habt?« Irgendwie ahnte ich den Grund, aber wollte ihn aus seinem Mund hören.
»Tja, liebe Ash, wer meine Freunde beleidigt, beleidigt auch mich.«
Er lächelte mich an, und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Ich war überwältigt, dass er das für mich getan hatte, ausgerechnet Lucas.
Er beugte sich nach vorn, hob die Hand und wischte mit dem Daumen eine Träne weg. »Heule bitte nicht in meiner Gegenwart. Das macht mich nur sentimental«, sagte er leise.
»Wenn du so meine Ehre rettest, muss ich heulen«, gestand ich. Es hatte gut getan, dass sie einmal am eigenen Leib spüren musste, was für ein Gefühl es war, erniedrigt zu werden.
»Es ist sonst nicht meine Art, Frauen hereinzulegen. Aber in diesem Fall war es angebracht. Obwohl ich nicht glaube, dass… Puh, wie hieß sie noch mal? Ach, egal … Ich meine, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie nach dieser Erfahrung ihre Arroganz ablegen wird. Sie ist eine oberflächliche Person. Das war mir im Laden aufgefallen, als ich sie angesprochen habe. Trotzdem brauchte sie einen Denkzettel«, erwiderte Lucas und schlug sich mit den Händen auf die Oberschenkel. »Doch nun genug von ihr gesprochen. Lass uns jetzt nicht weiter gefühlsduseln, sondern darüber reden, wie wir das mit unserer Teamarbeit regeln, wenn wir schon mal hier sind. Mittagessen können wir trotzdem noch zusammen.«
Ich nickte, biss mir auf die Unterlippe und rieb die Hände unter dem Tisch aneinander. Unbedingt musste ich den Wunsch unterdrücken, ihm um den Hals zu fallen, weil er sich für mich eingesetzt hatte. Und weil er mich nicht gleich wieder loswerden wollte. Es war schön, mit Lucas Zeit zu verbringen. Wer wusste schon, wann das noch einmal klappen würde? Um der Versuchung nicht nachzugeben, sagte ich: »Okay, reden wir über die Philosophieaufgabe.« Kurz hielt ich inne. »Über den Job müssten wir außerdem sprechen.« Die Zusage sollte er nicht vergessen. Immerhin hatte er versprochen, sich zu kümmern.
»Na klar, mit dem Job kläre ich gleich heute nach dem Training«, bestätigte Lucas und studierte mein Gesicht, bevor er fortfuhr: »Ich habe mitbekommen, dass du ungern mit anderen Studenten zusammenarbeitest. Deshalb wollte ich dich fragen, ob du dich allein mit dem Philosophiethema auseinandersetzt und die Facharbeit für uns schreibst.«
Kurz stockte mir der Atem. Was sagt er da? Mein Herz stolperte und ich rang nach Luft. Was er mir gerade vorgeschlagen hatte, das war unglaublich. Mit schmalen Augen sah ich ihn an. »Aha, also darum geht es dir. Du hast kein Interesse mit mir im Team zu arbeiten, sondern willst, dass ich das allein mache. Ich bekomme das ganze Thema aufgedrückt und du erhältst mit mir die Abschlussnote, ohne einen Finger krumm gemacht zu haben.« Ich hätte es ahnen müssen, dass das Freundschaftsgequatsche nur ein Vorwand war, um mich gefügig zu machen.
»Wenn ich in die NFL will, muss ich noch besser werden«, verteidigte er sich. »Deshalb bekomme ich montags ein zusätzliches Einzeltraining. Was kann ich dafür, dass mir die Zeit fehlt?« Betreten sah er mich an. Es war ihm wohl ein bisschen peinlich, was er von mir verlangte. »Bitte hilf mir, Ash, immerhin besorge ich dir einen Job. Und wenn du Unterstützung für die Teamarbeit brauchst, versuche ich, ein bisschen mitzumachen, einverstanden?«
»Weiß nicht, ich muss darüber nachdenken«, sagte ich. Die Enttäuschung schluckte ich mit dem Rest des Caramel Macchiatos herunter. Lucas schwieg. Er warf mir noch einmal einen flehenden Blick zu, bevor er aufstand und die leeren Gläser zur Geschirrrückgabe brachte.
Nachdem er zu unserem Tisch zurückgekehrt war, atmete ich tief durch und verkündete meine Antwort. Irgendwie kam ich mir mies vor, wenn ich ihn im Stich ließ. »Okay.«
»Okay, was?«, fragte Lucas lauernd. Er behielt mich im Blick, während ich aufstand und mir den Rucksack über die Schulter warf. Mir war bewusst, dass ich aufgrund meiner finanziellen Schwierigkeiten gezwungen war, mich auf den Deal einzulassen. »Du trainierst, ich erledige die Seminararbeit.«
»Echt, du machst das? Mann, mir fällt ein Stein vom Herzen.«
»Ja, ist am Ende doch kein großes Ding. Stimmt ja auch, dass ich am liebsten allein arbeite.«
»Trotzdem, Ash. Vielen Dank. Du hast keine Ahnung, wie du mir hilfst.«
»Wie du mir mit dem Job.« Statt noch was zu sagen, zeigte ich zum Ausgang. Ich wollte nur noch raus aus dem Café. Der Raum wurde mir zu eng. »Können wir?« Lucas stimmte zu, dann verließen wir das Café.
Draußen blieb er abrupt stehen. »Fuck«, presste er zwischen den Zähnen hervor und griff nach meinem Handgelenk, um mich zurückzuhalten.
»Was hast du?«, erkundigte ich mich irritiert und schaute in Lucas’ Gesicht. Er wirkte verärgert. Leise knurrend zog er die Stirn in Falten. Meine Augen schweiften dorthin, wo sein Blick verharrte.
Dylan und Ray schlenderten auf uns zu und unterhielten sich angeregt. Im ersten Moment bemerkten sie uns nicht. Doch dann stutzte Dylan. »Hey, Luc, du hier?«, rief er und stieß Ray an, der nun genauso verwundert guckte, dann seinen Mund zu einem breiten Grinsen verzog.
Lucas umfasste meinen Oberarm. Er zwang mich, dass ich mich zu ihm drehte, sodass ich mit dem Rücken zu seinen Freunden stand. »Pass auf, Ash. Du bewegst dich keinen Millimeter weg. Ich bin gleich zurück.«
»Schon gut, ich warte.« Seine Stimme hatte derart streng geklungen, dass mir nicht in den Sinn gekommen wäre, ihm zu widersprechen oder seine Anweisung zu missachten.
»Okay.« Lucas räusperte sich, ließ mich los und ging zu seinen Freunden.
Mich beschlich das ungute Gefühl, dass es ihm nicht recht war, dass Dylan und Ray mitbekommen hatten, dass er mit mir unterwegs war. Wenn sie uns auf dem Campus getroffen hätten, könnte er es mit dem Studium begründen. Das war zwar die Wahrheit, doch wirkte sie hier nicht glaubhaft. Ich schätzte, dass diese Gedanken blitzartig in seinen Kopf geschossen waren. Deshalb versuchte ich, mich unauffällig zu benehmen, und blickte in eine andere Richtung. Nicht, dass sie noch auf mich zukämen. Was sollte ich sagen, wie mich verhalten? Schon Lucas Nähe überforderte mich.
Doch lange blieb ich nicht standhaft. Meine Neugierde war zu groß, dass ich aus dem Augenwinkel zu den Dreien schielte. Ich sah, wie Lucas mit Dylan und Ray lachte. Wild gestikulieren sie mit den Händen, witzelten über irgendwas. Lucas’ Freunde warfen mir ab und zu einen Blick zu. Ich war zu weit weg, um zu hören, ob sie über mich redeten. Nach fünf Minuten umarmten sie sich. Dylan und Ray kehrten um, ohne mich ein letztes Mal in Augenschein zu nehmen. Warum sie abdrehten, verwunderte mich, aber anscheinend hatten sie ihre Pläne geändert.
»Tut mir leid, aber unsere Verabredung zum Mittagessen klappt nicht. Ich muss mit Dylan und Ray etwas Dringendes erledigen«, erklärte Lucas mit zerknirschter Miene, nachdem er wieder vor mir stand. Ich nickte, aber glaubte ihm nicht.
»Schade.« Mein Lächeln war gespielt und mein Magen zog sich zusammen. Scheiße, er schämt sich für mich. Deswegen hatte er seine Freunde auf Abstand gehalten. Meine Befürchtung behielt ich für mich. »Wenn du keine Zeit hast, fahre ich mit dem Bus zurück«, schlug ich stattdessen vor.
Lucas fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Es war ihm anzumerken, dass es ihm unangenehm war, mir eine fadenscheinige Ausrede aufzutischen. »Nein, du brauchst nicht mit dem Bus fahren. Die Zeit habe ich noch, dich zum Wohnheim zu bringen.«
»Gut, dann sollten wir schnell los, damit du nicht zu spät kommst.«
»Und du bist nicht sauer, dass wir unsere Verabredung verschieben?«
Haha, verschieben, denke ich voller Ironie. Aus welchem Grund solltest du dich mit mir ein zweites Mal treffen wollen? Du hast erreicht, worum es dir ging. Ich werde unsere Partnerarbeit allein bewältigen. Ich verriet meine Gedanken nicht und sagte: »Nein, geht schon in Ordnung. Treffen wir uns ein anderes Mal.« Eigentlich versuchte ich, cool zu klingen, aber es gelang mir nicht. Meine Stimme klang krächzend. Um der Situation zu entfliehen, lief ich einfach los. Lucas hatte mich schnell eingeholt. Schweigend begaben wir uns zum Parkplatz.
Auch auf der Rückfahrt redeten wir kaum miteinander. Ich war fast erleichtert, als wir das Wohnheim erreichten.
»Du gibst mir Bescheid mit dem Job?«, fragte ich.
»Kein Problem, ich melde mich bei dir.«
»Möchtest du meine …«
»Nein, nicht nötig.«
Na super. Er hatte mich unterbrochen, bevor ich meine Frage vollständig stellen konnte. Offensichtlich wollte er keine Handynummern austauschen. Ich seufzte ergeben. Ach, was soll’s, eh egal. Er wollte mich nicht anrufen und ich würde mich das sowieso nicht trauen.
Lucas’ Lächeln wirkte freundlich, aber irgendwie auch distanziert, während er darauf wartete, dass ich verschwand. Also sammelte ich rasch meine Sachen zusammen, um aus dem Jeep auszusteigen. »Man sieht sich«, verabschiedete ich mich hastig.
»Mach’s gut, Ash. Und cool, dass du die Partnerarbeit für mich mitmachst!«
»Ja, klar. Und danke für die Hosen und den Job.«
Mehr gab es nicht zu sagen, daher wandte ich mich ab, ohne ihn noch einmal anzusehen, und ging auf das Wohnheim zu. Er rief mir auch nichts hinterher. Ich hörte, wie er den Motor startete und losfuhr.

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1. Wunschszene - Abgestimmt auf Snipsl

Eure 1. Wunschszene: Wie geht Ashley mit Lucas’ Abfuhr um?

Uns verbindet ein Deal, mehr nicht. Privat interessierst du mich nicht. Diese beiden Sätze hatte ich von Lucas regelrecht ins Gesicht gespuckt bekommen. Ich war noch immer entsetzt. Lohnte es sich überhaupt, mit diesem Kerl ein weiteres Wort zu wechseln? Würde ich noch einmal freiwillig einen Fuß in das Stadion setzen?
Nein! Nie, nie wieder!
Lucas Hanson war Geschichte. Aber so was von sicher, das versprach ich mir selbst. Hoch und heilig.
Wenn ich tief in mich ging, hatte ich von Anfang an gewusst, dass er mich mit seinen zuckersüßen Worten nur gefügig machen wollte, um mir dann einen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen. Da war Lucas einmal nett zu mir gewesen und ich musste ihm wie ein Hündchen aus der Hand fressen.
Mir war klar, dass ich – selbst wenn ich wollte –, mit ihm unter diesen Umständen keine Partnerarbeit machen konnte. Der Schmerz hatte mein Herz umklammert. Er würde es nicht aus seinem Griff lassen, wenn ich mich weiterhin in Lucas’ Nähe aufhielt. Mit der Stalkerei war ab jetzt ebenso Schluss. Ich würde mir nicht mehr von außen die Nase am Fenster plattdrücken, wenn er im Kraftraum trainierte. Genauso wenig würde ich in der Bibliothek zwischen den Regalen herumschleichen, wenn er sich Bücher auslieh. Solche bekloppten Sachen hatte ich tatsächlich gemacht. Wenn ich damit nicht aufhörte, käme ich über die Demütigung nie mehr hinweg.
Es war nun mal so, dass ich in Lucas verliebt war. Gefühle konnte man nicht per Knopfdruck ausschalten. Deshalb würde ich die Facharbeit allein schreiben, egal, ob er mir den Job besorgte oder … Moment … Woher wusste ich denn, ob das mit dem Job der Wahrheit entsprach? Vielleicht war das genauso gelogen?
Von wegen: Freundin. Lass uns ein anderes Mal gemeinsam mittagessen. Ich helfe dir bei der Teamarbeit, wenn du Hilfe brauchst. So oder ähnlich hatte er mich eingelullt. Dieser fiese Mistkerl!
Pah, darüber konnte ich nur noch lachen. Wie dumm ich doch gewesen war, auf sein Gequatsche hereinzufallen.
Hatte ich mir nicht selbst gesagt, dass ich in seiner Gegenwart nicht geistig zur Amöbe werden würde? Die Einzeller waren tatsächlich noch schlauer als ich. Die hätten sein Geschleime gleich durchschaut und ihn auf den Mount Everest geschickt. Dort oben saß ja schon sein Ego.
Die Gedanken rasten wild ihre Runden in meinem Kopf. Wie bei der Formel 1. Mir war ganz schwindlig davon. Ich war verdammt froh, dass ich diesmal nicht sprachlos vor ihm gestanden hatte. Was ich von ihm hielt, hatte ich ihm an den Kopf geknallt. Zwar gestammelt, trotzdem mit Schmackes. Er hatte nicht schlecht geguckt. Wenigstens ein kleiner Triumph. Ob ich das noch einmal schaffen würde? Vermutlich nicht. Ich war so schockiert und verletzt gleichermaßen gewesen, dass mein Verstand sich für einige Sekunden verabschiedet hatte und ich deshalb so mutig gewesen war. Wenn mich doch in solchen Momenten öfters die Vernunft verlassen würde. Ich hätte keine Probleme mehr, immer zu sagen, was ich dachte und fühlte, wenn mich andere Leute verletzten. Es würde meinem Selbstbewusstsein helfen.
Ich riss die Tür auf und stürzte ins Freie. So schnell es ging, hatte ich die Diner Hall verlassen.
Nachdem die Ausgangstür hinter mir zugefallen war, blieb ich stehen und blickte seufzend zum Himmel. Konnte niemand mit einem kleinen Wunder nachhelfen, den Teil meines Hirns ausschalten, der mich blockierte? Den Blick wieder geradeaus gerichtet, schüttelte ich den Kopf. Wohl kaum, wer kümmerte sich um die Probleme einer schüchternen Rothaarigen?
Ich versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Bewusst atmete ich ein und aus. Meine Brust hob und senkte sich hektisch.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Mein Mantra, wie ich es beim Joggen vor mir herbete, half. Langsam wurden meine Atemzüge gleichmäßig.
Doch während ich mich beruhigte, wurde der Schmerz, den mir Lucas zugefügt hatte, übermächtig. Schlagartig war mir mein geheimer Wunsch wieder gegenwärtig. Hatte ich mir vielleicht doch was vorgegaukelt, etwas erhofft, das nie eintreten würde? Hatte ich tatsächlich im hintersten Eckchen meines Hirns geglaubt, Lucas Hanson könnte mich mögen?
Bloß, weil er mir das Geld für neue Hosen geliehen hatte?
Wir gemeinsam einen Caramel Macciato getrunken hatten?
Er mich vor dieser bescheuerten Kopie von Amanda Seyfried verteidigt hatte?
Er hatte mir klipp und klar gesagt, dass er Frauen nur zum Ficken wollte. Und ich wusste, welche Frauen er damit meinte. Über meine Naivität musste ich lachen, gleichzeitig kullerten mir die Tränen über die Wangen. O Mann, fühlte ich mich schlecht.
Ach, was soll’s.
The Show Must Go On. Ein Klassiker von Queen, der ausdrückte, wie ich mich fühlte. Aber ich würde mich nicht unterkriegen lassen. Die Teamaufgabe meisterte ich definitiv allein und mit bestmöglichem Ergebnis. Für mich. Lucas war ein Parasit, der sich bei mir angedockt hatte, doch nur dieses eine Mal. Danach wäre ich es, die ihm einen Tritt verpassen würde, sollte er noch einmal versuchen, mich auszunutzen. Rasch lief ich zum Wohnheim zurück. Das Leben ging weiter, mit oder ohne Lucas. Ich hatte ihn weder als Freund gewonnen, noch verloren.
Als ich darüber nachdachte, wusste ich plötzlich, worüber ich die Facharbeit schreiben würde: Was ist der Sinn des Lebens? Ein Thema auf Professor Williams’ Liste, das wir bearbeiten könnten, so weit ich mich erinnerte.
Eine Antwort wäre: Ich durfte keinesfalls heulen, nur weil Lucas Hanson mich ablehnte.
Deshalb wischte ich entschlossen mit den Fingern die Tränen aus dem Gesicht.
Als ich mein Zimmer betrat, fühlte ich mich schon ein bisschen besser. Chloe war nicht hier. Ich nahm an, dass sie noch mit Travis unterwegs war. Ich packte meinen Laptop in den Rucksack. Mein Blick fiel auf die beiden blauen Hosen auf meinem Bett, die ich mir gekauft hatte. Ich atmete zitternd aus, blinzelte die neu aufkommenden Tränen weg und hoffte, dass die Arbeit mich vom Liebeskummer ablenken würde. Sicherheitshalber schaute ich noch ein letztes Mal auf Williams’ Liste, ob das Thema dort stand. Ich hatte mich nicht geirrt. Zufrieden stieß ich die Luft aus und nahm mir vor, morgen die Mail an den Professor zu schicken, um ihm mein gewähltes Thema mitzuteilen.
Ohne mich länger aufzuhalten, verließ ich das Zimmer und begab mich zur Bibliothek, um mit der Ausarbeitung anzufangen.

Mit vier ausgeliehenen Büchern schaute ich mich im Leseraum um. Nur ein Platz an einem der Tische war frei. Dort saß Miller, ein Student, den ich aus dem Philosophieseminar von Professor Williams kannte. Er schien sich wie ich mit dem Thema allein zu befassen. Ich glaubte, sein Vorname war Matthew. Er war der Sohn des Platzwarts vom Stadion. Er wirkte oft zerstreut. Seine dunkelblonden kurzen Haare standen in alle Richtungen ab und seine blauen Augen wirkten verträumt. Er war dünn und nicht viel größer als ich. Wir beide waren Außenseiter. Die anderen Studenten sprachen mit ihm, wenn es um kostenfreie Tickets für die Footballspiele ging. Da er meist keine hatte, schnitten sie ihn.
Ich wartete, bis er zu mir hochschaute. »Darf ich?«
»Klar.« Er lächelte freundlich und deutete auf meine Bücher. »Du beginnst auch schon mit dem Thema?«
»Ja«, sagte ich und setze mich neben ihn. Keine Ahnung, warum er gemieden wurde, ich fand ihn nett. Vielleicht freundeten wir uns an. Immerhin saßen wir im selben Boot, mussten uns allein mit der Philosophieaufgabe herumschlagen.
Nachdem ich die Bücher auf den Tisch gelegt hatte, holte ich meinen Laptop, Kalender und Schreibmäppchen aus dem Rucksack.
»Matthew, richtig?«
»Und du Ashley. Hast das Vergnügen, mit Lucas ein Team zu bilden.« Er zwinkerte wissend, während ich mit den Augen rollte. »Hör bloß auf. Aber du hast ebenfalls das große Los gezogen. Die Tochter unseres verehrten Dekans.«
»Hmmm.« Er stöhnte. »Olivia Baker, die mehr Zeit in Designerladen als an der Uni verbringt.«
»Welche Frage bearbeitest du?«, erkundigte ich mich.
»Was ist der Sinn des Lebens.«
»Echt?«, rief ich aus und erhielt von verschiedenen Seiten verärgerte Blicke. »Ruhe, am Tisch, sonst fliegt ihr raus«, droht auch schon die Bibliothekarin.
Matthew und ich zogen die Köpfe ein und kicherten, was uns noch ein böses Räuspern von der Frau einbrachte.
»Sprechen wir nachher bei einem Kaffee weiter?«, flüsterte Matthew mir ins Ohr.
Ich nickte erfreut. »Gern.«
Die nächsten zwei Stunden arbeiteten wir an der Aufgabe, ohne einen Mucks von uns zu geben. Ich freute mich, hier mit Matthew zu sitzen. Und ich hoffte, dass wir einen regen Gedankenaustausch über unser Thema haben würden.

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2. Wunschszene - Abgestimmt auf Snipsl

Eure 2. Wunschszene: Der erste Kuss

[…]

Grinsend verschränkte Lucas die Hände hinter dem Kopf, sank zurück ins Kissen und wandte sich dem Film erneut zu.
In meinem Hirn arbeitete es. Überbewertete ich seine Berührungen? Waren sie eine mitleidige Geste? Mein Verstand kämpfte gegen meine lose Zunge. »Warum hast du mich gestreichelt?« Seufzend schloss ich die Augen. Mann, Ashley, warum hakst du nach?
»Dich gestreichelt?« Unsere Blicke trafen sich. Lucas fuhr sich durchs Haar und verzog nachdenklich das Gesicht. »Weiß nicht«, sinnierte er achselzuckend. »Das ist alles so verwirrend. Deine Verletzung, dass du hier bist. Ich habe das Gefühl, dir tut ein bisschen Trost gut. Du hast doch nicht gedacht, dass ich …«
»Nein«, schoss es aus meinem Mund, bevor er mich mit seiner Frage noch in Verlegenheit bringen könnte. »Ich interpretiere nichts hinein.«
Bin ich so naiv und glaube, sein Streicheln war liebevoll gemeint, weil er mich mag?
Natürlich wollte er mich nur trösten. Ich bedeutete ihm nichts. Super, dass ich es aus seinem Mund hören durfte. Ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, wäre keinesfalls unangenehmer gewesen.
Zukünftig würde ich mir fest auf die Zunge beißen, wenn eine weitere Peinlichkeit aus meinem Mund zu rutschen drohte. Für den Rest des Abends zog ich es vor, auf den Fernseher zu starren und mir die Serie anzusehen.
Als die dritte Folge begann, hatte mich Braeking Bad gepackt. Die Serie war spannend, der Held fesselte mich mit seinem widersprüchlichen Verhalten. Ich nahm mir vor, die restlichen Folgen und weiteren Staffeln anzusehen. Travis hatte vor einiger Zeit von der Serie erzählt, aber bis heute hatte ich keine Staffel verfolgt.
Erst gegen ein Uhr merkte ich, dass ich müde wurde. Lucas war längst eingeschlafen. Er hatte es vorher nur mit Mühe geschafft, seinen Handywecker zu stellen. Kein Wunder, er hatte einen anstrengenden Tag gehabt und außerdem mich am Hals.
Ich rang mit mir, ob ich ihn wecken sollte, weil er vorhatte, auf dem Sofa zu schlafen. Lucas lag auf dem Rücken. Sein Mund war einen kleinen Spalt geöffnet, er atmete ruhig. Gleichmäßig hob und senkte sich seine Brust.
Es wäre falsch, ihn aus seinem eigenen Bett zu vertreiben. Statt ihn hinauszuwerfen, ließ ich ihn liegen. An seine Decke kam ich nicht ran, weil er auf ihr lag. Da meine groß genug für uns beide war, deckte ich Lucas zu. Dann schaltete ich den Fernseher aus, stieg aus dem Bett und legte die Fernbedienung auf den Tisch.
Rasch ging ich auf die Toilette, um zu pinkeln, bevor ich das Licht löschte und mich neben ihn ausstreckte.
Die Wohnung war still, Dylan offensichtlich noch unterwegs.
Diese Nacht war für mich etwas Besonderes. Ich genoss Lucas’ Nähe, mit ihm in einem Bett unter einer Decke zu liegen.
Ich drehte mich zu ihm, wagte kaum zu atmen, um ihn nicht versehentlich zu wecken. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Der Mond schien durchs Fenster und spendete ein bisschen Licht, dass ich Lucas erkennen konnte. Seine Gesichtszüge waren entspannt.
Ich betrachtete seine Lippen. Jetzt hätte ich die einmalige Chance, ihn zu küssen. Meine innere Stimme wisperte: Trau dich, küss ihn!
Ich schluckte den Kloß, der sich plötzlich in meinem Hals gebildet hatte, hinunter. Einen kurzen Augenblick zögerte ich. Meinen ganzen Mut zusammennehmend richtete ich mich auf den Ellenbogen auf, neigte mich zu Lucas, schloss die Augen und küsste ihn auf den Mund.
Der Kuss, er war … Mir fehlten die Worte. Sämtliche Emotionen flossen durch meinen Körper. Schwer pochte mein Herz hinter den Rippen, bestätigte mit jedem Schlag, wie sehr ich diesen Mann liebte.
Wie unglaublich weich Lucas’ Lippen waren, wie angenehm sein Atem nach Minze roch.
Das Gefühl, meinen Mund auf seinen gespürt zu haben, war berauschend, obwohl der Kuss so zart wie ein Schmetterlingsschlag gewesen war.
Diesen Kuss wollte ich im Kopf als meine schönste Erinnerung abspeichern. Denn ich ging davon aus, dass Lucas mich von sich aus nie küssen würde. Trotz des Wissens war ich in diesem Moment glücklich.
Seufzend kuschelte ich mich in das Kissen, zog die Decke über meine Schultern und lag auf der Seite Lucas zugewandt. Ich spürte seine Wärme unter der Decke, betrachtete sein schönes Gesicht und inhalierte seinen Duft, bis mir die Augen zufielen und ich einschlief.

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Kapitel 12 - Ausschnitt - Lucas

Wer will Lucas den Deal vermasseln?

Als ich in den riesigen Vorlesungssaal kam, sah ich Ashley schon auf ihrem Platz in der dritten Reihe ganz außen sitzen. Aber sie war nicht allein. Verdutzt schaute ich zu dem Zwerg mit der Sturmfrisur, der rechts neben ihr saß und sie bequatschte, als ob er ihr die tollsten Dinge über die Welt berichten könnte.
Verdammt.
Was wollte Matthew Miller von ihr? Der Sohn des Platzwarts war wie Ashley und ich auch im Williams’ Seminarkurs. Ihr Nachbarstuhl war immer leer gewesen! Seit wann hatten Miller und Ashley zueinander Kontakt?
Sie hatte noch nie mit jemandem gesprochen. Das gefiel mir nicht. Obwohl ich nicht verstand, warum ich das plötzlich so empfand. Und noch eine Sache schoss mir in den Kopf. Wenn Ashley ihm erzählen würde, dass sie einen Job suchte, könnte der Zwerg auf die Idee kommen, sich ihr als Unterstützung anzubieten. Er saß im Gegensatz zu mir an der unmittelbaren Quelle. Das könnte zur Folge haben, dass der Deal platzte.
O Shit, das durfte nicht passieren.
»Hey, Ash«, begrüßte ich sie und setzte mich direkt hinter sie. Matthew klappte die Kinnlade runter, wie ich zufrieden feststellte, als er sich umdrehte und mich mit großen Augen anstarrte. Ashley spielte dagegen die coole Braut. Keine Ahnung, warum ich ein unangenehmes Magengrummeln verspürte, weil sie mich – mal wieder – wie Luft behandelte.
Ich beugte mich vor, um ihrem Ohr ganz nahe zu sein. »Wie kommst du mit dem Thema voran?«
Sie zuckte zur Seite, als mein Atem ihren Hals streifte. »Was interessiert dich das?«
Wow, Ashley sah mich an und sprach mit mir. Der Blick war abweisend und der Ton klang scharf, trotzdem ein Anfang. Sie beachtete mich und schwieg zum Glück über den Job.
Ich zeigte erst auf sie, dann auf mich, bevor ich ihr erklärte: »Warum wohl? Wir sind ein Team, erinnerte dich.«
»Nein, sind wir nicht«, wiegelte sie ab. »Wir haben nur einen Deal.«
»In gewisser Weise ist es doch das Gleiche«, meinte ich schulterzuckend.
Ashley runzelte die Stirn. »Was ist daran gleich? Und wenn wir schon beim Thema sind … Was ist mit der Einhaltung deines Teils vom Deal? Wann kann ich den Job antreten?«
»Job?«, mischte sich Matthew ein.
Scheiße, sie hat ihn nun doch angesprochen.
Stöhnend rollte ich mit den Augen. »Halt dich da raus, Miller«, knurrte ich und wandte mich wieder Ashley zu, die mich noch immer mit düsterer Miene ansah. »Ich kümmere mich darum, habe ich dir doch versprochen.«
»Wenn es um einen Job geht, ich könnte dir helfen.«
Wie bitte? Spinnt der Zwerg jetzt total?
»Ashley braucht deine Hilfe nicht, ich besorge ihr den Job, verstanden, Miller?«, fuhr ich ihn an. Meine Ansage hatte gesessen. Doch leider nur für den Bruchteil einer Sekunde. Will der Idiot sich bei ihr einschleimen?, dachte ich, nachdem er unbeeindruckt sagte: »Du weißt doch, das mein Vater Platzwart im Stadion ist. Er sucht noch Unterstützung.«
»Wirklich?«, vergewisserte sie sich. Mir wurde schlecht. »Den Job habe ich ihr versprochen, halt dich aus der Sache raus!«, ging ich dazwischen, bevor meine letzten Felle davonschwammen. Ich hatte den Eindruck, wenn ich den Zwerg nicht stoppen würde, verlor ich Ashley und dann wäre der Deal hundertprozentig geplatzt. »Am besten, ich spreche beim Abendbrot mit meinem Vater.«
»Das ist toll«, antwortete Ashley lächelnd und warf mir einen nachdenklichen Blick zu. Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Hände im Nacken und sah sie aus schmalen Augen an. Sie war nicht dumm und müsste sich denken können, dass ich das hier mies fand. Wenn sie sich lieber vom Zwerg helfen lassen wollte, bitte schön, ihre Entscheidung. Ich würde nicht vor ihr auf Knien rutschen und sie anbetteln. Das verbot mir mein Stolz.
Ashley schaute wieder zu Miller, deutete schließlich mit einem seitlichen Nicken zu mir. »Sei nicht sauer, Matt, aber Lucas wollte sich kümmern. Ich warte bis Montag ab. Wenn dein Vater ihm für mich keine Zusage gibt, kannst du ja noch einmal nachhaken.«
Ich wusste nicht warum, aber in diesem Augenblick hätte ich Ashley am liebsten in den Arm genommen. Sie hatte die Situation nicht ausgenutzt, um mir eins auszuwischen, weil ich sie verletzt hatte. Ich nahm mir vor, alles zu tun, um das mit unserem Platzwart so schnell wie möglich zu klären. Außerdem würde ich mich bei ihr in aller Form entschuldigen, wenn ich die Zusage für sie in der Tasche hatte. »Danke, Ash, für dein Vertrauen«, sagte ich zu ihr.
Sie schenkte mir ein höfliches Lächeln und drehte sich wieder nach vorn, weil der Dozent in den Raum gekommen war und mit dem Seminarstoff begann.
Als der Block geendet hatte, verabschiedeten sich beide von mir. Ich bekam noch mit, dass sie gemeinsam in die Bibliothek gehen wollten, um am ›Sinn des Lebens‹ zu arbeiten.
Normalerweise würde ich mich sofort auf den Weg zur Diner Hall machen, um mich dort mit Dylan und Ray zu treffen und mir den Bauch vollzuschlagen. Die Energie benötigte ich fürs Training. Aber jetzt, da Miller an Ashleys Fersen klebte, würde ich sie lieber noch ein Stück begleiten.
Ich drängte mich an Ashley vorbei, um ihr die Tür aufzuhalten. Der Zwerg fluchte, weil er vor mir zum Gang durchschlüpfen wollte. Doch Pech für ihn. Ich packte Millers Arm und zog ihn zurück, um vor ihm den Saal zu verlassen.
Denkt das Fliegengewicht, ich halte ihm die Tür auf? Grinsend schaute ich über die Schulter. Er ist echt ein Idiot. Er fluchte irgendwas, fixierte mich mit wütendem Blick. Ich dagegen wandte mich mit meinem charmantesten Lächeln Ashley zu. Leider zeigte es keine Wirkung. Ihre Mundwinkel zuckten nicht einmal. »Ist ›Der Sinn des Lebens‹ unser Thema?«, erkundigte ich mich.
Ashley warf mir einen Seitenblick zu. »Genau«, bestätigte sie. »Matt und ich arbeiten daran. Er hatte sich für die gleiche Frage entschieden.«
»Klingt spannend.« Ich lief neben ihr zum Ausgang. Miller hatte meine nonverbale Botschaft begriffen, dass er sich am Gespräch nicht beteiligen sollte und trottete uns hinterher. Ashley ging auf meinen Kommentar nicht ein, sondern blieb den ganzen Weg still. Komische Situation.
Draußen blieben wir unschlüssig stehen. »Du bist bestimmt verabredet«, meinte Ashley.
War das eine verdeckte Andeutung, ich sollte mich verpissen?
»Ja, bin ich, aber wir könnten uns über das Thema unterhalten.« Ich sah, dass sie mit sich rang. Sie schaute zum Zwerg, dann zu mir.
»Lucas, nicht jetzt«, lehnte sie schließlich ab. »Matt und ich müssen los.«
Sie müssen los?
Ich starrte Ashley perplex an. Sie hatte mich einfach so abgefertigt. Ich schluckte schwer. Und der Zwerg grinste mich dämlich an. Mann, der ist kein Idiot, sondern ein absoluter Vollidiot.
»Okay, dann wünsche ich einen schönen Tag«, sagte ich, machte auf den Absatz kehrt und marschierte zur Diner Hall. Verfickte Scheiße, kam ich mir bescheuert vor.

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Gewinnspielfrage - Was ist ein Hail Mary?

Ich hatte schon beim morgendlichen Training Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Heute war Donnerstag und wir besprachen im Meeting das Spiel für den kommenden Samstag, weil Nolan und Eliot am Freitag nicht auf dem Trainingsgelände sein würden.
Seit dem verflixten Zusammentreffen in der Dining Hall bekam ich Ashleys Worte nicht mehr aus dem Kopf.
Also nur ein Deal. Die Botschaft ist angekommen. Das hatte sie gesagt, und ich war so bescheuert und hatte ihr nicht widersprochen.
Ich müsste froh sein, dass sie die Partnerarbeit ohne größeren Widerstand übernommen hatte, aber ich fühlte mich trotzdem mies. Außerdem kam ich immer noch nicht dazu, mit Miller über Ashleys Job zu sprechen. Wann war ich das letzte Mal so unzuverlässig? Was sollte Ashley nur von mir denken? Im Moment behandelt sie mich in den Kursen, die wir zusammen belegten, wie Luft. Sie mied mich regelrecht. Das war ich nicht gewohnt. Wenn Kaylee so wäre, würde ich erleichtert sein. Die Frau war wie eine Klette, versuchte, mich überall abzupassen.
Ich war abgelenkt. Nolan redete und redete, während ich an der Nagelhaut meines rechten Mittelfingers zupfte und über Ashley und diese verfickte Situation grübelte. »Garcia, du wirst Hansons Blind Side beim nächsten Spiel schützen.«
»Okay, Coach.«
»Hanson?«
Ich hörte aus der Ferne meinen Namen. Aber ich stand völlig neben mir, rieb mir mit der Hand über den Mund und starrte ins Leere.
»Hanson … Hanson, verdammt!«, brüllte Nolan.
»Was?« Zusammenzuckend schoss mein Blick zu unserem Offensive Coordinator. Wenn ein Spieler nicht voll bei der Sache war, rastete er schnell aus.
Nolans Augen bohrten sich in mein Gesicht. Sein Kiefer mahlte. Ein Zeichen, dass er auf mich sauer war. »Wer wird im nächsten Spiel deine linke Seite schützen?«
»Äh, Garcia« Ich hatte den Namen am Rande mitbekommen.
»Noch mal Glück gehabt. Aber konzentriere dich jetzt!«
Ich nickte und atmete erleichtert auf, dass ich die richtige Antwort gesagt hatte. »Klar, Coach, kommt nicht noch einmal vor.« An Ashley denken, war während Training und Meeting ein No-Go. Ich musste mich unbedingt zusammenreißen, um am Samstag wie immer mein Bestes auf dem Platz zu geben.
Die restliche Zeit der Teambesprechung war ich geistig auf der Höhe und musste nicht mehr angemotzt werden.
Nach dem Meeting rief mich Nolan zu sich.
»Was war los vorhin? So kenne ich dich gar nicht. Alles okay?«, erkundigte er sich. Das Wohl der Spieler war ihm wichtig.
Ich winkte kopfschüttelnd ab. »Sorry, ging ums Studium«, wich ich aus.
»Alles klar. Aber das Studium bleibt auf dem Campus. Es hat hier nichts zu suchen.«
»Natürlich.«
»Also, Hanson«, begann nun Nolan und winkte Moore heran, bevor er zu seinem eigentlichen Anliegen kam. »Ihr trainiert ab jetzt zusätzlich gezielt den Hail Mary, falls wir einmal in die Situation kommen, dass wir in den letzten Spielsekunden zurückliegen.« Nolan legte seine Hand auf meine Schulter und sah mich eindringlich an. »Du hast eine unglaubliche Wurfkraft, aber die ist noch ausbaufähig. Deshalb denke ich, dass du diesen langen Pass bis zur Endzone schaffen kannst. Bei den meisten Quarterbacks funktioniert er nicht und der Ball wird abgefangen, aber du bekommst ihn hin.« Er nahm die Hand herunter und wandte sich mit fragender Miene meinem Quarterback-Coach zu. »Oder, Pete?«
»Ich hatte schon mit dem Chef gesprochen. Genau an diesem Pass werden wir arbeiten. Wenn Hanson die Weite von mindestens 60 Yards schafft, wird er mit unserem Wide Receiver Collister den Pass trainieren. Coach Stark weiß Bescheid.« »Okay.« Nolan warf einen schnellen Blick auf die Uhr. »Ich muss los, die Videoanalyse mit Frank durchgehen.«
Typisch für ihn, dachte ich schmunzelnd. Er und Chefcoach Eliot waren zwei besessene Arbeitstiere, die rund um die Uhr analysierten, planten und Strategien entwickelten. Ich fragte mich, ob die beiden sich um andere Dinge als Football kümmerten. Sie brannten für den Sport, stellten alles hinten an, sogar ihre Familien.

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2019
Copyright © 2019 by Jenna Stean
Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung dieses Buches – auch nur Auszüge – sowie die Übersetzung dieses Romans ist nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Dies gilt insbesondere für jede mechanische, fotografische, elektronische und sonstige Vervielfältigung, Verbreitung – auch Auszüge – durch Film, Funk, Fernsehen, elektronischen Medien und sonstige Form von öffentlicher Zugänglichmachung.
Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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